Kultur : Nur noch einmal auf ein Glas Wein

Episoden über die Liebe: „Paris, je t’aime“

Sebastian Handke

Episoden über die Liebe: „Paris, je t’aime“ Ach, es ist ja so schwierig geworden, von der Liebe zu erzählen. Es gibt Komödien, Zynismus und Sex, hin und wieder mal Historienschinken; an die zärtliche oder gar emphatische Liebe aber traut sich kaum noch jemand, vom asiatischen Kino einmal abgesehen.

Ein Mangel immerhin, der offenbar auch Regisseure schmerzt: Als zwei französische Produzenten vor Jahren einen Episodenfilm über die Liebe in Paris vorschlugen, war der Andrang groß. Die Brüder Coen, Tom Tykwer, Gus Van Sant, Alfonso Cuarón, Walter Salles, Alexander Payne und andere bewarben sich mit eigenen Drehbüchern für jeweils ein Pariser Stadtviertel. Zum Beispiel Montmartre: Ein Mann (Bruno Podalydès) sucht einen Parkplatz – und eine Frau. Warum nur findet er sie nicht? Er sieht schließlich ganz gut aus, hat ein ordentliches Auto . . . und kaum steht er in seiner Parklücke, bricht eine schöne Frau neben seinem Auto zusammen. Tja, Paris!

Paris ist die Stadt, in der ein Cowboy (William Dafoe) sich nachts um eine trauernde Mutter (Juliette Binoche) kümmert. Paris ist die Stadt, in der eine Vampirin (Olga Kurylenko) und ein Rucksacktourist (Elijah Wood) rote Körpersäfte austauschen. Die Stadt, in der Oscar Wilde an seinem Grab erscheint, um den Streit eines Pärchens (Emily Mortimer, Rufus Sewell) zu durchkreuzen. Und die Stadt, in der man besser niemandem in die Augen schaut. So empfiehlt es der amerikanische Reiseführer, und Steve Buscemi muss erfahren, warum.

Die Freude aller Beteiligten ist den leichthändig inszenierten Miniaturen anzumerken. Die kurze Form macht alles einfach – ohne dramatische Bögen spannen zu müssen, kann man sich der Lakonie bedienen, wenn der Mut zur Emphase fehlt. Liebe in Paris also: charmant, heiter, ungefährlich. Weil aber immer nur Augenblicke von jedem Paar gewährt werden, schwingt selbst in den leichten Episoden ein wenig Melancholie. Denn so wie es ist, so dürfte es nicht bleiben.

Die schönsten Vignetten aber sind jene, die den Rausch hinter sich haben. In Pigalle versuchen Bob und Fanny (Bob Hoskins und Fanny Ardant) den erotischen Funken neu zu entfachen. Und im Quartier Latin treffen sich Ben und Gena (Ben Gazzara und Gena Rowlands), lange getrennt, am Abend vor der Scheidung auf ein Glas Wein. Ihr freundlicher, aber sarkastischer Dialog offenbart die Verletzungen, die sie einander angetan haben (Regie: Gérard Depardieu).

Und dann ist da noch Tom Tykwer, dessen Beitrag „True“ bereits auf der Berlinale gezeigt wurde – eine perfekte Meditation über die Vergänglichkeit. Der Blinde, die Schöne und die Zeit: Tykwer traut sich noch was, wenn es um Liebe geht.

Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Kurbel; OmU im Babylon Kreuzberg und Cinema Paris

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