Kultur : Nur wer die Sehsucht kennt

Die Düsseldorfer Schule der Fotografie wird historisch: eine Bilanz

Bernhard Schulz

Mit dem Tod von Bernd Becher (1931 – 2007) vor zwei Jahren ist die Düsseldorfer Schule der Fotografie gewissermaßen historisch geworden. Natürlich arbeiten ihre Protagonisten weiterhin, weltweit anerkannt und aus jeweils eigenem Recht geschätzt. Aber der enge Zusammenhalt der Schule ist dahin. Und es fehlt ihr das Zentrum. Hilla Becher (geb. 1934), die Witwe des zwei Jahrzehnte an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrenden Bernd, führt das fotografische Werk des Paares – auch aus Altersgründen – allein nicht mehr weiter, sondern ist mit der Sichtung und Sicherung des ungeheuren Bestandes beschäftigt.

Insofern wird der historische Einschnitt nur noch deutlich unterstrichen, wenn jetzt im Verlag Schirmer/Mosel ein Buch unter dem autoritativen Titel „Die Düsseldorfer Fotoschule“ erscheint – übrigens gleichzeitig in mehreren Ländern. Das Münchner Verlagshaus wiederum begeht mit diesem Buch sein 35-jähriges Bestehen, das von Anfang an eng mit „den“ Düsseldorfern verbunden war. Da schließt sich ein Kreis.

Dass Bernd und Hilla Becher in der Kunstszene bereits Mitte der siebziger Jahre zu den international arriviertesten Künstlern überhaupt zählten, wie Stefan Gronert, der Autor der Neuerscheinung, schreibt, darf allerdings bezweifelt werden. 1976 folgte Bernd Becher der Berufung an die Düsseldorfer Akademie zur erstmaligen Einrichtung einer Fachklasse für „Künstlerische Photografie“, doch nur sechs Studenten mochten sich im ersten Lehrjahr überhaupt damit beschäftigen. 1967 hatten die Bechers eine damals noch kaum unter künstlerischen Gesichtspunkten bewertete Ausstellung in der unter Wend Fischer in Designdingen jahrelang bundesweit führenden „Neuen Sammlung“ in München. 1970 erschien ihre erste eigene Publikation unter dem ambivalenten Titel „Anonyme Skulpturen. Eine Typologie technischer Bauten“. Sie fand damals nur in einem sehr kleinen Kreis von Enthusiasten Resonanz – und zählt heute zu den Raritäten des Kunstbuchantiquariats. Aber noch 1977 verdienten sich die Bechers das Geld für ihre fotografischen Exkursionen mit der Illustration des Forschungsprojekts „Zeche Zollern 2“ in der mittlerweile legendären Buchreihe der Fritz Thyssen Stiftung zur Kunst des 19. Jahrhunderts.

Erst in den achtziger Jahren setzte der eigenkünstlerische Ruhm der Bechers ein, dann aber mit einer geradezu überwältigenden Folgerichtigkeit. Nur eine Auswahl: 1990 Goldener Löwe bei der Biennale in Venedig (für Skulptur!), 1994 Goslarer Kaiserring, 2002 der hochdotierte Erasmuspreis – dazu Ausstellungen an den ersten Orten der Kunstwelt und eine mittlerweile auf zehn Bände angewachsene Werkausgabe ihrer „Industriellen Typologien“: Die in den ersten Jahren, ja beinahe Jahrzehnten so ungemein entbehrungsreiche Arbeit der fotografischen Weltreisenden hat am Ende reiche Ernte getragen.

Die Bechers haben unser Sehen verändert. Der karge Blick auf karge Dinge, bei gleichbleibend grauem Himmel, hat den anonymen Bauten von Industrie und Handwerk eine Würde zurückgegeben, die in der Nachkriegszeit gänzlich verloren gegangen war. Heute kann man keinen bescheidenen Wasserturm, gar eine Hochofenanlage ohne das Bechersche Pathos der absoluten, bis auf den Nullpunkt getriebenen Nüchternheit mehr betrachten: als Monument vergegenständlichter Arbeit in einer inzwischen virtuell und ungreifbar gewordenen Welt. Darin waren die Bechers, ohne es zu wissen, Visionäre; weit über ihren Wunsch hinaus, den zu ihrer Zeit bereits rapide verschwindenden Bauten einen Platz im kollektiven Gedächtnis zu verschaffen.

Zweifellos wird man das „Europäische Denkmalschutzjahr“ 1975 mit in Betracht ziehen müssen. Die Bechers selbst haben gesprächsweise als Antrieb ihrer Arbeit den Respekt vor den historischen Bauten genannt. Die (Über-)Interpretation ihres Lebenswerkes als – womöglich von vorneherin so angelegte – konzeptuelle Kunst kam von Seiten der Bewunderer und nicht zuletzt des Kunstmarktes, auf dem ihre Arbeiten Höchstpreise erzielen. Natürlich färbte diese Bewertung auf die beiden Künstler ab, deren Aufnahmen in Ausstellungen mehr und mehr inszeniert wurden. Auf die eigene fotografische Arbeit jedoch hatte diese Verschiebung im Urteil keinerlei Einfluss.

Die Becher-Schüler, die – anders als das Meisterpaar – durchweg in Farbe arbeiten und überwiegend auch in immer größer gewordenen Formaten, können diese Leistung, eine untergehende Kultur bewahrt zu haben, naturgemäß nicht für sich beanspruchen. Am ehesten gilt dies noch für die asketische Candida Höfer mit ihren Bildern menschenleerer Räume, in denen sich Opulenz und Beiläufigkeit merkwürdig mischen, wie in den berühmten Bibliotheks-Aufnahmen mit ihren prächtigen Lesesälen und daneben armseligen Abstellkammern.

Andreas Gursky und Axel Hütte haben den Monumentalismus ihrer Riesenformate auf die Spitze getrieben; der eine durch atemberaubende, das Motiv geradezu vervielfältigende Nachbearbeitung am Computer, der andere durch Expeditionen in wilde Natur, die jeden Maßstab heutigen Fototourismus’ sprengen.

Allein Thomas Struth hat mit seinen Museumsbildern noch ein genuines Thema gefunden, das die Bedingungen heutigen Sehens im Medium der Kunst reflektiert. Denn da werden die Betrachter der Bilder in den Museen selbst zu Betrachteten, und die Kunst, die zur Massenware der Museumstouristen geworden ist, verliert auf eine ganz lakonische Weise ihre einstige Aura.

Thomas Ruff schließlich hat mit Portraits im Großformat noch einmal an das wichtigste Genre der Fotografie im 19. Jahrhundert angeknüpft, seither aber an Stringenz verloren.

Das neue Buch versammelt noch ein paar Becher-Schüler mehr, deren Wege von der vorgezeichneten Bahn des detailversessenen Sehens abweicht. Auffallend ist dabei Petra Wunderlich, Becher- Meisterschülerin der „ersten Generation“. Sie arbeitet als einzige weiterhin in Schwarz-Weiß. Nie hat sie die Aufmerksamkeit gefunden, die ihre Kollegen mit den großen Namen, hohen Preisen und komfortablen Atelierhäusern erlangt haben. Ihre Aufnahmen von Steinbrüchen besitzen eben jene skulpturale Qualität, die ihren Lehrern einst den Goldenen Löwen von Venedig eintrug.

1992 war „die“ Becher-Schule in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen, als Auftakt einer Ausstellungstournee des Instituts für Auslandsbeziehungen. Damals hatte sich jenes Bild der Schule geformt, das sich seither verfestigt hat und in dem vorliegenden Buch glanzvoll bestätigt wird. Es ist nun Geschichte geworden. Eine Ära. Sie ist nicht zu Ende, doch ist sie in der Ganzheit ihrer Leistungen zu erkennen und zu bewerten.

Stefan Gronert, Die Düsseldorfer Photoschule. Schirmer/Mosel Verlag, München 2009. 320 S. m. 332 Abb., 68 €. – Fotografien der Düsseldorfer Schule aus der Sammlung Lothar Schirmer sind derzeit in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu sehen; München, Max-Joseph-Platz 3, bis 14. Februar 2010.

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