Kultur : Nussknacker und Mäuse-König

Georg Vierthaler ist Betriebswirt aus Leidenschaft – und Berlins mächtigster Musiktheater-Manager: Er leitet die neue Opernstiftung

Frederik Hanssen

Georg Vierthaler ist ein Bayer der angenehmsten Sorte: zupackend, optimistisch, dem Genuss in jedweder Form zugetan, auf charmante Art und Weise dickschädelig. Wenn man die Berliner davon überzeugen möchte, wie gut der Hauptstadt Gastarbeiter aus dem Freistaat tun, braucht man ihnen nur den fröhlichen Mann aus Gesseltshausen/Oberbayern vorzustellen. Sein Gesicht freilich kennen die wenigsten. Dabei ist Georg Vierthaler der mächtigste Mann der hauptstädtischen Musiktheaterlandschaft. Weil Kultursenator Thomas Flierl zum offiziellen Start der neuen Opernstiftung am 1.1.2004 noch keinen konsensfähigen Kandidaten für den Job des Generaldirektors gefunden hatte, beförderte er kurzerhand den geschäftsführenden Direktor der Staatsoper Unter den Linden zum kommissarischen Koordinator der Stiftung. Per Handschlag – und weil Georg Vierthaler von seinen Kollegen als Primus inter Pares akzeptiert wird.

Maximal bis Ende 2004 will Georg Vierthaler den Job zusätzlich zu seinem Hauptberuf an der Staatsoper machen. Und das glaubt man ihm sogar: Denn auch wenn die Position des Generaldirektors mit enormer Machtfülle ausgestattet ist, so muss er die Intendanten doch so lange autonom walten lassen, wie sie mit ihren Mäusen auskommen. Ein Diplomat, ein Außenminister soll dieser Mensch an der Spitze der Musiktheater-Holding sein, einer, der das Image der Stiftung nach außen zu mehren weiß und gleichzeitig das riskante Konstrukt nach innen befriedet. So ein Schweben über den Wassern ist des Georg Vierthalers Sache nicht. Als Manager das Beste aus seinem Haus herauszuholen, erfüllt den Praktiker nämlich mit viel mehr Befriedigung.

Diese Geisteshaltung macht Georg Vierthaler zum Gegenstück des berühmtesten Berliner Kultur-Bayern, Ex-Museumsdirektor, Ex-Kultursenator und Ex-CDU-Chef Christoph Stölzl. Professor Stölzl kann herrlich aus dem Stegreif reden, verleiht noch der langweiligsten Sitzung die Aura einer Konversation im großbürgerlichen Salon und weiß sich mit einem Bonmot noch aus der kniffligsten Lage zu retten. Georg Vierthaler dagegen hält sich lieber an Reales, arbeitet sich ab an den Widerhaken der Praxis. Dass er mit seinen Mitarbeitern, vom Kostümbildner zum bis Orchestermusiker um jeden Euro ringt, dass er stets ganz genau erklärt haben möchte, wofür denn nun diese oder jene Summe ausgegeben werden soll, macht ihn vielleicht nicht beliebt – aber geachtet. Auf stolze 7,2 Millionen Euro waren dank Vierthalers unermüdlichem hausinternen Feilschen im Februar 2003 die Rücklagen der Staatsoper angewachsen. Dass er den Bettel nicht hingeworfen hat, als der Kultursenator diese Summe einfach einkassierte, weil er aus seinem laufenden Etat insgesamt zehn Millionen Euro für den Berliner Nachtragshaushalt einbringen musste, zeigt, wie gerne Georg Vierthaler seinen Job in Berlin macht.

Die Berufung an die Staatsoper Unter den Linden 1994 war für den 1957 geborenen Vierthaler allerdings auch die Chance seines Lebens. Nach dem Studium in Landshut fand der Betriebswirt seine erste Anstellung als Verwaltungsdirektor beim Münchner Volkstheater. Nach zehn erfolgreichen Jahren fühlte er, dass sich langsam Routine einschlich – und bewarb sich ans Tübinger Landestheater. Hier erreichte ihn der Anruf des damaligen bayerischen Staatsintendanten August Everding: Ob er nicht der neue Verwaltungschef für die Berliner Lindenoper werden wolle? Vierthaler wollte – und wurde mit guten Wünschen für die Zukunft vom baden-württembergischen Kultusministerium vorzeitig aus seinem Tübinger Vertrag entlassen.

Während Daniel Barenboim und später Intendant Peter Mussbach Unter den Linden medienwirksam für Glamour am Prachtboulevard sorgten, inszenierte Vierthaler hinter den Kulissen das finanzielle Verschlankungsprogramm des Hauses. Auf dem Schreibtisch in seinem bescheiden eingerichteten Büro fällt zuerst der Abakus mit den bunten Holzperlen auf, danach die klassische Prokuristen-Rechenmaschine, aus der ein Papierstreifen fast bis auf den Fußboden hängt. „Privat bin ich nicht so sparsam“, erklärt Vierthaler und lacht sein kerniges bayerisches Lachen.

Jede Menge finanzielle Nüsse zu knacken hat er auch als Stiftungs-Koordinator: 220 Stellen muss die Operntrias bis 2008 einsparen, 83 Positionen davon allein in den Werkstätten, die außerdem noch an einem zentralen Standort fusioniert werden sollen. Das Ballett (das Vierthaler im Dritt-Job zusammen mit dem Choreografen Vladimir Malakhov kommissarisch leitet) will als autonomes Ensemble mit Spielstätten in der Deutschen Oper und der Staatsoper etabliert sein. Ganz dringend benötigt wird ein gemeinsames Ticketing, das es vor allem den Opernfans von außerhalb ermöglicht, unter einer Nummer Karten für alle drei Häuser zu bestellen. Ja, und dann ist da noch die Frage nach dem Generaldirektor: Vielleicht kann nur noch jemand aus dem Ausland die Laokoon-Gruppe wiederbeleben, zu der die Berliner Opernhäuser im Überlebenskampf erstarrt sind. Jemand, der nicht ins deutsche Subventionssystem hinein gewachsen ist. Jemand mit dem ungetrübtem Blick. Und dem Elan von Georg Vierthaler.

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