Kultur : Nutella-Kunst

Skurril: Thomas Rentmeister im Hamburger Bahnhof Berlin

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Hamamelis und Zitrone erfüllen die Luft. Unvermittelt steigt ein Hauch von Schokolade in die Nase. „Rosa Luft“ erkannte ein Kind darin. Kindheitserinnerungen sind es, die hochkommen in dieser Sphäre von Penatencreme, Nutella und Fichtenholz. Mit Düften, Farben und Formen hat Thomas Rentmeister den WerkRaum 10 des Hamburger Bahnhofs in eine skurrile, narrative Skulpturenlandschaft verwandelt. Seine Polyesterplastiken polierte der Künstler so lange, bis ihre Materialität scheinbar verschwand. Transparent und spiegelglatt gaukeln ihre Formen Reptilien vor, die eine Drehung weiter zur Schnabeltasse mutieren - oder was immer der Betrachter erkennen mag. Spontan verführen die ambivalenten Objekte zum haptischen Erleben, doch Berührung und Nähe verbieten sich schnell. „Mir wäre es am liebsten, wenn ich alles Darunterliegende weglassen könnte und die Skulpturen wie virtuelle Hüllen oder unendlich dünnwandige Seifenbasen im wirklichen Raum herumliegen würden“, so Rentmeister.

Bereits seit den 80ern setzt sich der 1964 geborene Künstler aus Westfalen auf ironische Weise mit dem amerikanischen Minimalismus auseinander. Sein Ziel sei es, „die monochrome Malerei aufzublasen und ad absurdum zu führen". Selbst des Künstlers Tante wurde künstlerisch verwertet: Bei der Installation „Tante Annis Sauna“ von 2002 findet sich der Besucher vor einer Saunakabine auf einem Aluminiumgestell. Einen Blick hinter die Fassade kann er nicht erhaschen: Lediglich ein schlaffes, welk wirkendes Gebilde - irgendwas zwischen Hüftknochen und Schöpfkelle - stellt den Bezug zum geheimnisvollen Innenraum her. Auch hier Irritation und Subversion: Das weich wirkende Objekt ist aus lackiertem Stahl.

Der wohlige Wickelkommodenduft rührt her von der Installation „whiteware“, in der Rentmeister Kühlschränke verschiedener Fabrikate in drei Reihen arrangierte und mit Penatencreme verfugte. Sie gehört zu den fünf Arbeiten, die Rentmeister eigens für die Ausstellung fertigte. Als Reaktion auf den 11. September entstand die Arbeit „dome“, in der Rentmeister durcheinander gewirbelte Kleidungsstücke, Handtücher und Kegel aus Polyurethan unter eine Plexiglaskuppel von zwei Meter Durchmesser legte: Eine Arbeit zwischen Verletzlichkeit und Brutalität.

Am 28. August 2002 erhält Rentmeister den mit 12 500 Euro dotierten Piepenbrock Nachwuchspreis für Bildhauerei. Die Jury - bestehend aus Friedrich Meschede, Projektleiter Bildende Kunst beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD, Lothar Romain, Präsident der Universität der Künste Berlin und Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin - würdigt damit eine eigenwillige Position in der zeitgenössischen Kunst. Inge Pett

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, bis 8. September.

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