Kultur : Nutella-Not

Deutsche Midlife-Krise: Hanns-Josef Ortheils Roman „Die geheimen Stunden der Nacht“

Peter Köhler

Zur wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik gehören Gründerpersönlichkeiten wie Max Grundig oder Josef Neckermann. Mit dem Herrn von Heuken hat Hanns-Josef Ortheil nun einen Selfmademan dieses Schlages erfunden: Aus kleinen Anfängen baut er, vital und unbekümmert, einen Verlagskonzern auf. Die Grundigs und Neckermanns traten nolens volens in den Siebziger- und Achtzigerjahren ab. Nun, Anfang des 21. Jahrhunderts, erwischt es den alten rheinischen Patriarchen von Heuken. Nach einem Herzinfarkt muss er die Leitung seiner Firmengruppe aus der Hand geben.

Seine Kinder, die jedes einen Verlag innerhalb des Konzerns leiten, müssen die Nachfolge regeln: der kaufmännisch denkende Bürger Georg von Heuken in Köln, am Stammsitz des Familienunternehmens; der lebenslustige, großspurige Christoph in Stuttgart; und die als schwierig, ein wenig versponnen geltende Ursula in Frankfurt. Ein mit jedem Pfennig rechnender, durch Berufsstationen in London und New York gestählter Realist, ein Leichtfuß mit dem Hang zu Frankreich und eine weltabgewandte Lyrikliebhaberin.

Die Schlüsselrolle fällt dem 52-jährigen Georg zu, der fast zu seiner eigenen Überraschung die von seinem Vater rätselhafterweise gemietete Suite im noblen Dom-Hotel übernimmt. Während er dem verborgenen Leben seines alten Herrn nachspürt, stößt er nicht nur auf Familiengeheimnisse; er eifert geradezu dessen Rolle nach.

Guter Stoff für Leser, die einmal Mäuschen im Literaturbetrieb spielen wollen. Hanns-Josef Ortheil schildert um Georg von Heuken herum ein Personal wie aus dem Bilderbuch: den verständnisvollen Lektor, den egozentrischen Großschriftsteller, die kalte, tüchtige Agentin, die lebenskluge Sekretärin. Ein bisschen wirkt dieses Verlagsleben freilich wie nicht mehr ganz von heute – was sein Pendant in der Persönlichkeit Georg von Heukens findet, der mit seinen 52 Jahren merkt, dass er allmählich und unaufhörlich aus der Zeit rutscht.

In seinem modernen Haus mit den Glasfronten fühlt er sich nicht mehr wohl, die Jugend versteht er nicht, die Technik wird ihm fremd, die neue Literatur findet er, der doch einem Literaturverlag vorsteht, lächerlich: Die Bücher der Nachkriegsautoren „waren voll von dem, was sie in den furchtbaren Kriegsjahren erlebt hatten, heutzutage ist das ganz anders, für die jungen Autoren ist ihr erstes Nutella-Brot ein Erlebnis und deshalb allen Ernstes ein Thema.“ Dafür genießt er den Anblick des Rheins und verfällt in, wie er es selbst nennt, „sentimentalische Schübe“. Und da er auch gegen seine Frau und seine Kinder mehr sachliche Empfindungen hegt, wird klar, dass Georg von Heuken auf eine Midlife-Krise zusteuert.

Ein Entwicklungs- und Familienroman, in dem Ortheil mit viel Lokal- und Zeitkolorit sein Bild eines Generationswechsels malt. Die eine Gefahr dabei heißt Nostalgie, und von ihr sind Ortheils „Geheime Stunden der Nacht“ in der Tat nicht frei. Die andere lautet Kitsch, und danach sieht die große, einvernehmliche Lösung für schier alles und jedes aus, die das Buch beschließt. Es sei denn, Ortheil trägt absichtlich zu dick auf und spielt nur ein Spiel. Einmal lässt er den Großschriftsteller Hanggartner zu Georg sagen: „Als Autor spielt man ja Gott, man kann bestrafen, belohnen, den Rücken kehren, ach Gott, am Ende habe ich meinen Figuren den Rücken gekehrt.“ Nur dass Ortheil es am Ende demonstrativ umgekehrt macht.

Leider pflegt der Erzähler einen satzpunktlosen Stil, auch manche Figuren lässt er in dieser kommareichen Weise sprechen. Das verdünnt die Sprache manchmal zum Brei, andererseits überzeugt Ortheil durch spannende Dialoge, fesselt mit guten Vergleichen und treffenden Beobachtungen.

Hanns-Josef Ortheil: Die geheimen Stunden der Nacht. Roman. München: Luchterhand. 382 Seiten, 21,90 €. - Der Autor liest heute um 20 Uhr in der Berliner Kommandantur, Unter den Linden 1, Eintritt frei.

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