Kultur : Nymph-Knoten

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Peter von Becker über die Entdeckung einer neuen alten „Lolita“

Muss nun ein Stück Literaturgeschichte umgeschrieben werden? In der „FAZ“ hat der Philologe Michael Maar, von einem findigen Leser auf die Spur gebracht, eine verschollene Vorgängerin jener Nymphe Lolita präsentiert, die durch Vladimir Nabokovs 1955 erschienenen Roman zum Mythos der verführerischen Kindsbraut geworden ist. Tatsächlich hatte schon 1916 im Darmstädter FalkenVerlag der damals 25-jährige Autor Heinz von Lichberg ein Bändchen mit „Grotesken“ herausgebracht, in dem sich auch die 18-seitige Erzählung „Lolita“ findet. Darin verliebt sich ein Spanien-Reisender in die Tochter der Pensionsbesitzer am Meer, „blutjung nach unseren nordischen Begriffen“ und „knabenhaft schlank“ – worauf es in einer südlichen Mondnacht um beide geschehen ist. Es gibt noch allerlei weitere namentliche oder motivische Parallelen zu Nabokovs späterem Literaturprofessor Humbert Humbert und seiner Passion für Dolores Haze, die kleine Lola, sprich: Lolita. Michael Maar gereicht die schöne philologische Trouvaille nun zwar nicht zur Plagiats-These, aber doch zur Frage, wann „eine bestimmte Anzahl von Koinzidenzen aufhört, Zufall zu sein“ – zumal der russische Revolutionsflüchtling Nabokov von 1922 bis 1937 in Berlin gelebt hat, zur gleichen Zeit wie jener von Lichberg (alias Heinz von Eschwege). Dieser hatte 1929 als Reporter beim ersten Amerika-Flug des Zeppelin ebenso Aufsehen erregt wie vier Jahre später als Rundfunkberichterstatter bei Hitlers Machtergreifung.

Kannte der Zwangswahlberliner Nabokov, der neben dem Russischen vor allem Franzöisch und Englisch las und schrieb, eine Jahre zuvor in Darmstadt publizierte Erzählung? Niemand weiß das, Lichberg ist 1951, Nabokov 1977 verstorben. Sein deutscher Herausgeber und Übersetzer Dieter E. Zimmer meint, dass V.N. in seiner Berliner Zeit nicht einmal den „Blauen Engel“ mit Marlene Dietrich als fescher Lola, die ihren Professor Unrat verführt, gekannt habe (von wegen: Lola, Lolita und die amour fou eines älteren Manns). Vor allem aber gibt es in dem 500-seitigen Roman tausend versteckte Anspielungen auf andere Werke: von Catull bis Rimbaud, von Poe bis Proust. Und Nabokovs lebenslange, am schönsten in der frühen Erzählung „Der Zauberer“ beglaubigte Bezauberung durch die Kindsfrau machte ihn wohl offen für jede unbewusst-bewusste Anregung. Trotzdem liegt ein Universum zwischen dieser und jener „Lolita“. So hat die Weltliteratur nur eine Fußnote mehr.

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