Kultur : Nymphenzorn

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Schön, dass sie weg ist, die Staatskapelle. Jetzt wagnert sie mit Daniel Barenboim in Madrid und erntet dafür Standing Ovations. Unter den Linden werden derweil letzte Überreste des verronnenen Richard-Marathons, wie Drachenblut, Zwergenschweiß und Spritzer vom Liebestrank aus den Sitzen gewaschen. Mit Aktivsauerstoff, der prickelnd durch alle Polsterporen dringt - und hängen gebliebenen Operntalg einfach wegschwemmt. René Jacobs hat mit erlesenen Musikern im Orchestergraben wie auf der Bühne „La Calisto“ von Pietro Francesco Cavalli nach sechs langen Jahren zurück an die Staatsoper gebracht. Und siehe: Das erotisch-mythologische Verwirrspiel hat in der funkelnden Inszenierung des kürzlich verstorbenen Herbert Wernicke nichts von seinem Zauber eingebüßt. Hier schmachten Seelen und Körper, ringen Triebe und Treue so spielerisch unterm blauen Bühnenfirmament, dass es eine Lust ist. Zwischen herabschwebenden geilen Göttern und bocksbeinig herumspringenden Baby-Satyren ist Keuschheit naturgemäß eine seltene Blüte. Und die Nymphe Calisto (zart-störrisch: Rosemary Joshua) schon bald in die Arme des heimtückisch getarnten Chefdonnerers Giove (Olivier Lallouette) gesunken. Die Welt ist gerettet und zugleich komplett aus den Fugen, das Herz lacht und windet sich wund. Nur noch heute und morgen steht dieses barocke Bühnenwunder auf dem Spielplan. Londoner Kollegen würden an dieser Stelle raten: „Kill for a ticket!“ Ist gar nicht nötig. Rechtzeitig Regenschirm aufspannen und loslaufen reicht. Ulrich Amling

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