Kultur : O Kohle mio!

Rüdiger Schaper

Nord-Süd? Ost-West? Links-Rechts? Gibt es hier denn überhaupt einen Konflikt? Wo sind wir gelandet? "Stazione Cattolica" ist da, auf dem kranken Grün der Wand gerade noch zu lesen, und "Totocalcio". Ein Kircheninneres, ein Varieté-Bühnchen, eine Bahnhofshalle - und ein Dutzend verlorener, angelumperter Gestalten, die Deutsch sprechen und Italienisch singen. Italien? Italien! Was suchen sie hier - Gott? Den katholischen Gott des Kitsches und der armen Sünder, die südländische Sinnlichkeit?

Ein bisschen Neorealismus, ein bisschen Nachkriegszeit und viel Volksbühnen-Romantik: Rückwärts geht die Reise, nach dem beliebten DDR-Motto "Früher war nicht alles schlecht". Weil wir das Heute nicht begreifen. Weil das Gefühl sich breitmacht, dass die Gegenwart gegen uns ist und es keine Gewissheit mehr gibt, nirgends.

Früher, ja früher, da ließen Anna Viebrocks schäbig-schöne Bühnenräume die Orientierung weit offen. Wir blickten in gähnende Wartesäle, in denen die Zeit verrückt spielte, zwei Schritte vor, einen zurück. Wir steckten fest in Untergangsszenarien, die zugleich Sehnsuchtsorte waren. Wir betrachteten die Welt gleichsam durch ein umgedrehtes Fernrohr und machten Bekanntschaft mit den Marthaler-Menschen, deren Überlebensinstinkt seltsame Kapriolen schlug: Sie schliefen ein, sie gaben sich einem aufreizenden Somnambulismus hin, während draußen Mauern fielen, Reiche stürzten und eine allgemeine Beschleunigung das Leben erfasste.

Bald zehn Jahre ist das jetzt also auch schon wieder her. Der Schweizer Regisseur und Musiker Christoph Marthaler und seine Architektin (und Archäologin) Anna Viebrock eroberten die Volksbühne - und schnell den Rest der deutschsprachigen Theaterwelt mit ihren Langsamkeitsritualen. "Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!", das war die Initialzündung, die erste Berliner Arbeit des zum Kult gewordenen Marthaler / Viebrock-Clans: die Geburtsstunde einer hypnotischen, an Pina Bausch geschulten Theatersprache.

Seitdem ist viel passiert. Frank Castorfs Volksbühne wurde, auch dank der Marthalerschen Geniestreiche, zum wichtigsten Theater der Hauptstadt, und Christoph Marthaler, der in der vergangenen Woche seinen 50. Geburtstag feierte, leitet inzwischen das Zürcher Schauspielhaus - noch eine Erfolgsgeschichte. Nun buchstabiert Marthaler in altvertrauter Umgebung "Die zehn Gebote", nach einem Stück des Neapolitaners Raffaele Viviani (1888-1950), diesmal mit Clemens Sienknecht am (wie immer verstimmten) Klavier.

Kurzes Zwischenspiel. Beim Italiener gegenüber, nach der Premiere. Gast: Da drüben läuft ein Stück mit italienischer Musik. Kellner: Wo? Gast: Dort, in der Volksbühne. Kellner: Wo, in welchem Theater? Gast: Na, da, über die Straße. Kellner: Mit italienischer Musik? Gast: Den ganzen Abend. Kellner: Ich singe auch, aber heute ist es zu voll.

Zurück ins richtige Theater und ins falsche Neapel. Am Anfang sitzen sie mit dem Rücken zur Rampe und singen ein feierliches Lied, reden von einer Prozession mit Christus-Figur, die das Publikum freilich nicht zu sehen bekommt. Das bleibt auch so: In der grünen Vorhölle der "Stazione Cattolica" suchen die Schauspieler etwas, das es nicht gibt. Den Sinn des Lebens, vielleicht. Oder Erlösung. Oder einfach nur Spaß.

Typen, die wir kennen, die wir lieben. Sophie Rois, mit mondäner Sonnenbrille, sexy, verrucht. Sie raunt ihre Lieder, und ihr einziger Gefährte ist die brennende Zigarette. Matthias Matschke, der Mann ohne Knochen, der umfallen kann wie ein Fahrrad: Er gibt den Italo-Schlagerstar mit Reibeisenstimme. Der alte Winfried Wagner, mit schlohweißem Haar und einer Eleganz aus untergegangenen Zeiten: eine Belcanto-Entdeckung. Und Martin Wuttke - er ist so etwas wie der Hüter des Geheimnisses. Spielt einen verwahrlosten Zimmermann namens Giuseppe (Josef!), der Gott mit fetten Flüchen und Zoten überzieht. Oder meint er einen Mafia-Paten? Egal.

Wuttke als Komiker: wunderbar, noch eine Entdeckung. Wuttke als Vokalvirtuose. Er spielt mit einem Geigenbogen auf Lippen und Zähnen "O sole mio". Und muss sich von den Mitspielern beschimpfen lassen als "Ex-Intendant, der am BE dreißig Millionen gemacht hat". Geld ist auch ein Gott, man haut einander nach Kräften übers Ohr und tritt sich zwischen die Beine, wie in der herrlichen Szene mit Wuttke, Matschke, Rois und Wagner, in der es um den Verkauf eines "Tintoretto" geht.

Kleine-Leute-Geschichten, große Komik. Nette Spielchen mit Italien-Klischees. Doch: Klischees. "Die zehn Gebote" stoßen die alten, ehernen Marthaler-Gesetze um. Es wird nicht gedöst, nicht geschlafen, nicht herumgehockt, aber der Abend - zweieinhalb Stunden ohne Pause - hat keinen guten Rhythmus. Er hängt bei den längeren Spielszenen durch, und man hofft auf die nächste Gesangsnummer. Es ist mehr Kabarett als Theater - weil sich keine metaphysische Grundstimmung einstellt. In der Ankündigung war von Parallelen zwischen dem armen italienischen Süden und dem armen deutschen Osten die Rede. Das können wir getrost vergessen. Mezzogiorno und Mecklenburg kommen hier jedenfalls nicht zusammen. Ist auch etwas weit hergeholt.

Ein Marthaler-Abend ohne Rätsel, ohne Irritation. Es bricht einmal ein dumpfes, bedrohliches Beben vom Himmel herein, und die Volksbühnen-Italiener werfen sich flach auf den Boden. Das Jüngste Gericht? Erinnerung oder Vorahnung vom Krieg? Nein, eher ein Marthalersches Selbstzitat. Merkwürdig, wie das Thema Religion umgangen wird. Mit "Leit- und Feindbildern" hat die Volksbühne in früheren Spielzeiten gekämpft und kokettiert. Mit Kommunismus, Faschismus, Globalisierung. Nie mit den alten Religionen. Und wir dachten jetzt, es käme bei den "Zehn Geboten" mehr heraus als der Gefangenenchor aus "Nabucco" und "Du sollst nicht ehebrechen - du auch nicht!"

Marthalers Theater war stets: Kalauer als Existenzkampf. Und jetzt nur mehr Eskapismus. Basta? Nein, pasta. Früher waren auch die Witze besser, es sei nur an den Klassiker "Backen ohne Mehl" erinnert. Und an Uschi. Das Premierenpublikum hat den Heimkehrer Marthaler und das Ensemble trotzdem groß gefeiert. Gott, wie lustig!

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