Obama in Berlin : Der Säulenheilige

Ein Verführer, der kein Demagoge ist: Barack Obama und die in Deutschland ausgestorbene Kunst der politischen Rede.

Peter von Becker
Obama
Fingerzeig. Sein Pathos braucht nicht die große Gebärde. -Foto: dpa

Die Auguren glauben alle schon zu wissen, was Barack Obama am Donnerstag ab 19 Uhr an der Berliner Siegessäule Amerika, Europa und den Deutschen erklären wird. Zumindest das Prinzip sei klar. Obama müsse als Präsidentschaftskandidat Führung und Freundschaft zugleich betonen, um das Vertrauen in die zuschanden gegangene Moral und Politik der USA wiederzugewinnen. Doch als Preis solch erneuerter transatlantischer Freundschaft werde er von den Europäern, insbesondere den Deutschen auch mehr tätige, mehr kosten- und risikobereite Mitverantwortung beispielsweise in Afghanistan einfordern.

Seit Beginn seiner Wahlkampagne hat Obama die US-Bürger aller Schichten, Hautfarben und politischen Lager immer wieder darauf eingeschworen, dass sie nur gemeinsam wirklich stark seien. Also wird er neben dem hegemonialen Restanspruch einer amerikanischen „Leadership“, ohne die es mit Blick auf die Patrioten zu Hause nicht geht, wohl auf allen Ebenen der Vision und der Konzepte, der Beratung und Abstimmung, etwa auch in Fragen der Klimapolitik, die Chancen einer neuen Gemeinsamkeit zwischen Amerika und Europa betonen – vielleicht sogar kosmopolitisch (und geostrategisch) mit einer einladenden Geste über beide Kontinente hinaus.

„Ich bin ein Berliner“, das hieß im Juni vor 45 Jahren bei John F. Kennedy: Ich bin ein Bürger der freien Welt, und West-Berlin war damals Welt-Berlin, ein gegenüber der unfreien Ostwelt symbolischer Ort. An die Symbolkraft einer weltpolitisch wirksamen Wende, an ein Zeichen des „Change“ dachten jetzt auch Barack Obamas Berater. Oder war er es selbst, der sich für Berlin entschied? Man wird das jetzt nicht glaubhaft erfahren.

Aber das Risiko passt zu dem kaum 47-jährigen Senator aus Illinois, den, trotz einer bemerkenswerten Rede auf dem Wahlkongress der Demokraten 2004, noch vor anderthalb Jahren außerhalb Amerikas kaum jemand kannte. Viel einfacher wäre für ihn ja ein Auftritt in London gewesen: Hunderttausend jubelnde Fans, ein Auswärts-Heimspiel, keine Übersetzungsprobleme, keine Belastung durch irgendwelche Kaiser-Führer-Kennedy-Reagan-Assoziationen, nicht mal antiamerikanische Proteste durch irgendwelche teutonischen Altneu-Linken hätte es gegeben. Und Hyde Park heißt auch der Stadtteil in Chicago, wo die Obamas leben.

Aber Berlin. Einzig in Berlin wird der Politiker reden, der als Politiker bisher für die Welt ohnehin nur ein Redner ist. Wobei viele nun meckern, wegen des Antichambrierens am Brandenburger Tor, wegen der Wahlkampfshow in Übersee, die ihm die konservativen Wählerschichten in den USA grad so übelzunehmen drohen wie etwa ein öffentliches Froschschenkel-Diner mit diesen libertinösen Sarkozy-Brunis in Paris. Deshalb müsse nun her, was die „New York Times“ eine „knock-out speech in Berlin“ nennt.

Wie macht er das, wie könnte er das vollführen und damit, nicht zum ersten Mal, auch seine Kritiker verführen? Als Obama im Februar 2007 seine gegenüber Hillary Clinton und dem demokratischen Parteiestablishment vermeintlich ganz aussichtslose Kandidatur begann, da schien bis Europa zunächst nur ein vitaler, doch auch etwas enervierender Predigerton herüberzuklingen. Als seien Wahlveranstaltungen vornehmlich Glaubenskongregationen, deren Motiv die Hoffnung auf Wandel, auf bessere Zeiten durch besseres, weil ehrlicheres Regieren war. Mehr ein Psalm als schon ein politisch konkretes Programm.

Bei der Wandlung vom werbenden Underdog zum Favoriten und designierten Weltpolitiker ist indes mehr als nur ein vermehrt taktisches, machtbewusstes Kalkül bei Obama zu beobachten. Wer seine im Internet dokumentierten Reden genauer betrachtet und sie auch liest, lernt einen anderen Obama kennen als den bisherigen TV-Nachrichtenhelden in den typischen Momenten des Jubels nach einem Vorwahlkampfsieg.

Zunächst: Obama ist kein emphatischer Prediger wie einst Martin Luther King (den er als „Doctor King“ dennoch gerne zitiert) und auch kein mitunter pathetischer Demagoge wie der schwarze Altbürgerrechtler Jesse Jackson. Wenn Obama den notorisch nicht enden wollenden Beifall seiner Anhänger erst mal mit nichts als einem leisen Lächeln und wiederholtem „thank you“ (ohne ein aufputschend bestätigendes „you are great!“) halb abwehrend beendet hat, dann posiert er nicht gleich als Staatsmann. Zu schmal, zu smart, fast zu jung auch (obwohl schon ein paar Monate älter als JFK, als er ermordet wurde) wirkt der schlanke Mann im immer dunklen Anzug und hellem Hemd, mal mit, mal ohne seidene Krawatte. Der Harvard-Jurist und gelernte Anwalt tritt tatsächlich auf: als Advokat. Sein Programm ist das Plädoyer.

Wie alle guten Verteidiger oder Ankläger, wie alle redemächtigen Politiker nimmt Obama das Momentum auf, die Situation, und spricht völlig frei, gestützt allenfalls auf Notizen. Die Argumente, Zahlen, Daten, Namen hat er für seine meist nur zwischen 15 und 45 Minuten dauernden Auftritte im Kopf. Nehmen wir seine „Yes we can“-Rede vom 8 Januar 2008 in New Hampshire. Nach dem „Thank you“ wird der formelle Dank sofort zum inhaltlichen Gedanken: Amerikaner, „young in their hearts and spirits“, Menschen auch, die noch nie gewählt hätten, seien trotz Schneemassen und Kälte zur Abstimmung gegangen, weil sie fühlten: „This time will be different“. Schnell ist Obama dann bei Bildungs- und Gesundheitsreformen, dem zu beendigenden Irakkrieg und dem noch nicht vollendeten „job to eliminate Al Qaida“.

Aber: „Wir werden nicht 9/11 benutzen, um Wahlen zu gewinnen.“ Schon das sei ein Wechsel der Politik, und sie, die Zuhörer und Wähler, gäben mit ihrem Veränderungswillen seiner Kampagne den eigentlichen Sinn: „Deshalb gehört euch diese Nacht!“

So schnell, so eloquent schlägt Obama seine Volten, aber das in einem eher gleichbleibend ruhigen wie geduldig erklärenden Ton. Weder suggeriert der Redner eine gekünstelte, emotionalisierende Spontaneität, noch hat man den Eindruck, er spreche so auswendig nur mit einem inneren Teleprompter. Obama wirkt jederzeit ganz bei sich, gesammelt, nachdenklich konzentriert, nur fast unmerkliche Pausen oder Stimmhebungen oder die leichte, melodiöse Dehnung einzelner Vokale betonen, skandieren Schlüsselworte wie „hope“, Hoffnung. Kurz fährt er den rechten, sehr selten den linken Zeigefinger aus, fast immer am angewinkelten Arm – die große ausbreitende Gebärde versagt er sich selbst bei der dreimaligen Wiederholung der Worte „Yes we can“: einmal Finger links, dann rechts, dann führt er die beiden Hände beinahe zusammen.

Beinahe. Nicht zum Gebet, nicht zur effektvollen Beschwörung, sondern nur als Andeutung, so, als halte und forme er zwischen den Händen ein leicht zerbrechliches, noch unfertiges Modell. Etwas, das erst werden soll. Und das die Erinnerung mitschwingen lässt, dass „befreite Sklaven, Flüchtlinge, Immigranten, Arbeiter, die für ihre Rechte kämpften“, Menschen jeder Couleur einst nach Amerika gekommen seien mit der Hoffnungsgewissheit des – vor allem eigenverantwortlichen – „Yes we can“. Daran knüpfte Obama auch bei seiner schon legendären, millionenfach auf YouTube angeklickten Rede zur „Rassenproblematik“ in den USA am 18. März in Philadelphia an.

Damals war Obama wegen Anwürfen, er habe einen rassistischen schwarzen Kirchenlehrer gehabt, in der Defensive. Und er konterte brillant, schlug in freier, auch riskant freimütiger Rede mit vielen anschauungskräftigen Details den Bogen von den US-Verfassungsvätern über die eigene Familiengeschichte bis zu den aktuellen Krisen Amerikas („Zwei Kriege, terroristische Bedrohung, Niedergang der Wirtschaft“) und endete mit einem die gesamte politische Klasse (einschließlich ihn selber) beschämenden, anrührenden Erlebnis zwischen einem alten schwarzen Mann und einem jungen weißen Mädchen, mit einer jähen, die Rede völlig ungewöhnlich beschließenden, erst Sekunden später vom Publikum begriffenen Pointe.

Hierbei hatte der charismatische Advokat in gut 37 Minuten kaum den Finger und kaum einmal die volltönende Stimme gehoben. Ein Exempel entspanntester Konzentration. Das ist eine andere Dimension als das oft ausgestanzte, geistlos kleinmütige Deutsch der politischen Redner hierzulande, in der Generation nach Strauß, Brandt, Weizsäcker, Schmidt und sogar Fischer. Es muss dies noch keine bessere oder schlechtere Politik bedeuten. Die ist nach Max Webers berühmtem Diktum das langsame Bohren durch harte Bretter. Aber, sagt Weber in seinem Vortrag über „Politik als Beruf“ immer wieder, es bedürfe dafür „Leidenschaft und Augenmaß“. Diese Mischung hat Obama der Redner bisher bewiesen. Bis Berlin.

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