Kultur : Obdachlosigkeit in Deutschland: Anschluss verloren

Claudia Lepping,Amory Burchard

Wohnungslosigkeit ist kein Thema für Erfolgsnachrichten. Und dennoch gibt es in den letzten Jahren eine positive Tendenz zu vermelden: Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland sinkt und zwar seit 1995. Waren Mitte der neunziger Jahre noch geschätzte 880 000 Menschen betroffen, so sank es 1999 auf rund 550 000. Das jedenfalls belegen die Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) mit Sitz in Bielefeld.

Grund für den Rückgang der Wohnungslosigkeit ist nach Einschätzung von Werena Rosenke, Referentin bei der BAG, eine vermehrte Prävention durch staatliche Stellen. So greift eine Bestimmung des Bundessozialhilfe-Gesetzes, nach der Mietschulden übernommen werden, wenn der Verlust der Wohnung droht, in den letzten Jahren konsequenter. Allerdings drohe die positive Entwicklung wieder zu kippen, warnt Werena Rosenke. Nachdem sich die Wohnungsmärkte in den Innenstädten Ende der neunziger Jahre entspannt hätten, würde nun der soziale Wohnungsbau zurückgefahren. Erfahrungsmäß drohe deshalb eine neue Verknappung an preiswertem Wohnraum. Auch Arbeiterwohlfahrt und Caritas verlangen von den Städten, ein Kontingent bezahlbarer Wohnungen bereitzustellen. Als vorbildlich gilt das Berliner Modell des "geschützten Marktsegments": Nach einem im Juni 2000 von der Gesundheitsverwaltung, den Bezirksämtern und den städtischen Wohnungsbaugesellschaften unterzeichneten Kooperationsvertrag stehen ständig 1350 Wohnungen für Menschen bereit, die durch Mietschulden vor der Räumung stehen oder aus Übergangswohnungen für Obdachlose kommen. Sie werden nicht nur amtlich untergebracht, sondern auch von Sozialarbeitern betreut. Durch Beratung und Hilfe zum Schuldendienst und zur sozialen Integration soll verhindert werden, dass die Betroffenen alsbald wieder auf der Straße stehen.

In den neuen Bundesländern sinkt die Zahl der Wohnungslosen erst seit 1998. Nach der Wende stieg sie zunächst sprunghaft an - von offiziell Null bis auf 66 000 im Jahre 1997. Heute, da die staatlichen Programme flächendeckend greifen, soll sie noch bei 55 000 liegen.

In allen deutschen Groß- und Mittelstädten haben Kirchen und andere gemeinnützige Organisationen Wärmestuben und Notübernachtungsplätze eingerichtet, in denen sich Obdachlose aufhalten können. Doch nicht selten sind diese Einrichtungen völlig überbelegt, wie in Hamburg, Frankfurt am Main oder Rostock. In der Weihnachtszeit werden allein in Frankfurt fast 1600 Menschen Unterkunft suchen. Dortmund, Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg erwarten dagegen freie Kapazitäten. In Berlin stehen für derzeit geschätzte 2000 bis 4000 Obdachlose (wohnungslos sind zusätzlich etwa 6600) 2400 Tages- und Nachtplätze zur Verfügung. Diese seien in der Regel nicht restlos ausgelastet, sagt der Sprecher der Gesundheitsverwaltung. Manche Männer und Frauen, die "Platte machen", seien nicht einmal durch die seit einigen Jahren eingesetzen Kältebusse zu erreichen, die Obdachlose an Bahnhöfen und in Parks aufnehmen. Das bestätigen auch BAG und Diakonievertreter aus Hamburg und Frankfurt. Schuld daran, dass Obdachlose trotz Eiseskälte lieber draußen schlafen, seien allerdings die unzumutbaren Zustände in den großen Notunterkünften: Dort könnten die Betroffenen nicht zur Ruhe kommen. Angst vor Gewalt und vor Diebstahl sowie der Lärm in Mehrbettzimmern führen zu Schlafentzug. Gefordert werden deshalb Einzelzimmer. Frauen müssten zudem sexuelle Übergriffe fürchten, solange nicht eigene Häuser für sie existieren.

Bundesweit einheitlich verfolgt wird eine Kampagne, die sich nicht gegen die Obdachlosigkeit, sondern gegen die am schlimmsten Betroffenen richtet: Durch rigide Straßennutzungssatzungen versuchen Kommunen, Obdachlose aus den Stadtzentren zu vertreiben. Betteln, Alkoholgenuss in der Öffentlichkeit und Schlafen unter freiem Himmel werden verboten. Damit werde das Grundrecht auf Freizügigkeit beschnitten, kritisiert die BAG.

Im vergangenen Sommer waren bei den Kommunen 110 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland als wohnungslos registriert. Dabei handele es sich nicht um Straßenkinder, die von zu Hause weggelaufen sind. Vielmehr schlagen sich die Heranwachsenden zusammen mit ihren Eltern in Notunterkünften durch. Das Kinderhilfswerk Unicef macht darauf aufmerksam, dass ein Drittel der obdachlosen Kinder ständig oder in regelmäßigen Zyklen an Magenbeschwerden und Infektionen der Atemwege oder an Ohrenentzündungen leidet. Die älteren Jugendlichen seien zudem kaum vor Karrieren im Untergrund gefeit. Viele suchten ihr Heil in der Prostitution oder in der Rauschgiftkriminalität, um zu Geld zu kommen und sich ein Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen.

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