Kultur : Oberender und die Hasenschule

Berlins Festspiele-Chef will neue Förderung.

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Die Berliner Festspiele sind in der Offensive. Geht es nach ihrem Intendanten Thomas Oberender, dann hat das bundesrepublikanische Fördersystem ausgedient. „Die alten Schemata greifen nicht mehr“, ist ein doppelseitiges Interview in der aktuellen „Zeit“ überschrieben, und in der Dezemberausgabe von „Theater der Zeit“ stellt Oberender im Streitgespräch mit Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier die „Systemfrage“.

Oberender konstatiert, dass „längst nicht mehr alle Künstler in den klassischen Strukturen arbeiten“ wollen, dass aber die „Institutionen neuen Typs“ wie das Hebbel am Ufer und die Sophiensäle in Berlin oder Kampnagel in Hamburg finanziell vergleichsweise bescheiden ausgestattet sind. Kurz: Das Stadt- und Staatstheatersystem sei nicht mehr zeitgemäß, die neue Musik spiele anderswo: „Ein Großteil der kulturellen Dynamik unseres Landes entsteht inzwischen in dieser hoch qualifizierten Projektkultur.“

Was treibt Oberender an, was treibt ihn um? Seit zwei Jahren ist er in Berlin. Davor leitete er das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele. Offenbar hat ihn das Klima in der deutschen Hauptstadt verändert – denn er redet jetzt fast nur noch über Fördermodelle, Budgets und Konkurrenzen. Sein eigenes Haus, die Berliner Festspiele, zählt er zur Projektkultur, die auf Antragsmittel angewiesen ist. Oberender sieht sich als Vorkämpfer der „Kultur der Kreation“, die der herkömmlichen „Kultur der Interpretation“ voraus sei. Kreation, das wäre ein neues Stück von She She Pop oder Rimini Protokoll. Eine Shakespeare-Inszenierung von Ostermeier wäre dagegen bloß Interpretation. Die „Kreationisten“ sind, so geht die Klage, prekär ausgestattet, die „Interpreten“ dagegen vergleichsweise üppig.

Oberender hat lange in Häusern gearbeitet, in denen „interpretiert“ wird. Das gilt für Salzburg und natürlich für Bochum und Zürich, wo er in leitender Position tätig war. Er hat Theaterstücke geschrieben und sich für Botho Strauß begeistert. In dem schönen Band „Das schöne Fräulein Unbekannt“ denkt Oberender klug und witzig über „Theater, Kunst und Lebenszeit“ nach. Da steht der Satz: „Wir sind doch nie ganz da, nie wirklich. Wir sind hoppelnde Häschen im Garten der Pflichten.“ Nun liegt der Garten im kalten, harten Berlin, und die Pflicht eines Festspiele-Intendanten ist das Einwerben von zusätzlichen Mitteln. Und das Erfinden neuer „Formate“, wie es in der vom Theater kritiklos übernommenen Kuratorensprache der Kunstszene heißt.

Da liegt der Hase im Pfeffer. Was soll aus den Berliner Festspielen werden, was wollen sie sein? Große Produktionen einzuladen, wie einst – dafür fehlt ihnen das Geld und der Wille. Und es gibt die epochalen Inszenierungen von Peter Brook und Ariane Mnouchkine nicht mehr; auch wenn viele Theaterliebhaber sich danach sehnen. Ausgreifende Musiktheaterprojekte wie die Ruhr-Triennale kann sich Oberender nicht leisten. Und sommerliche Schauspiele wie in Salzburg wären ja rein „interpretativ“.

Statt dessen laden die Festspiele zu Diskussionen über Kulturpolitik in Belgien und Finnland, und sie haben das Festival „Foreign Affairs“ kreiert, mit vielen Beispielen jener Projektkultur, die häufig nur durch ihre Indifferenz und Themenbehauptung auffallen. Mit dieser Ausrichtung sind die Berliner Festspiele zum – übermächtigen – Mitbewerber auf dem Berliner Markt geworden. Das Hebbel am Ufer, der Tanz im August und andere Institutionen legen ähnliche, wenn nicht identische Programme auf. Kollisionen bleiben nicht aus, Identitäten schwinden.

Neue Produktionsstrukturen, wie Oberender sie fordert, existieren längst, an der Schaubühne, den Münchner Kammerspielen, die Volksbühne hat das mit Schlingensief schon vor 20 Jahren praktiziert. Die Berliner Festspiele sind in der Defensive. Rüdiger Schaper

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