Kultur : Oberflächenreize

Malerei und Skulpturen in der Berliner Galerie tammen & busch

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Was dem Murmeltier der Winterschlaf, ist vielen Galeristen die Sommer-Accrochage. Dass die ruhige Phase zwischen Frühjahrsgeschäft und Kunstherbst durchaus keinen einschläfernden Füllstoff bieten muss, kann man derzeit in der Galerie tammen & busch erleben. Gleich das Entree lockt im Fenster der Ladengalerie mit der „Großen Brautfigur“ von Klaus Hack. Erhaben changiert die überlebensgroße Skulptur aus weiß gefasstem Pappelholz zwischen körperlichem und tektonischem Gefüge (15 000 Euro). Daneben hängen Bilder, die weit entfernt sind von herkömmlichen Werkskizzen, auch wenn Hack Motive seiner Skulpturen auftauchen lässt. Der Bildhauer verbindet zeichnerische und malerische Elemente zu einem eigenwilligen poetischem Ausdruck.

Mit fast 70 Arbeiten von sechs Künstlern ist die Ausstellung den Freunden des reduzierten white cubes wenig zu empfehlen. Doch wer sein Auge in einer Fülle von Farben und Formen schwelgen lassen mag, kommt voll auf seine Kosten. Geschickt wird der Besucher von abstrakt-figurativer Malerei zu Skulptur und Grafik geleitet. Wobei auf ein starres Nebeneinander der einzelnen Künstler zugunsten einer erzählerischen Hängung verzichtet wird.

Dabei ergeben sich reizvolle Kombinationen: Michael Ramsauers „SW-im Feld“ (8500 Euro) tritt schon im Eingangsraum in Dialog mit den Skulpturen und Reliefs von Klaus Hack. Ramsauer arbeitet mit der puren, lediglich grundierten Fläche der fast dreieinhalb Quadratmeter großen Leinwand, auf die er dichte und pastose Spuren von tiefem Schwarz setzt. Der expressive Gestus versetzt die sparsamen Lineaturen in einen heiteren Schwingungszustand, dem das düstere Schwarz nur auf den ersten Blick widerspricht. In einer zweiten Serie in leuchtendem Orange beweist Ramsauer sein coloristisches Gespür. Die zeichenhafte Dynamik der Arbeiten setzt sich in Hacks graziler Stele „Hohe Kleid-Figur“ (5800 Euro) fort, während sie im mittleren Raum der Galerie mit „SW-2 Figuren im Feld“ die abgründig ironischen Bilder von Johannes Heisig (1500 bis 8200 Euro) und die existenzialistischen Skulpturen von Trak Wendisch (1300 bis 14 000 Euro) kontrastiert.

Neben den arrivierteren Künstlern gibt es in der Ausstellung auch eine Neuentdeckung: den 29-jährigen Aron Demetz. Der Südtiroler hat vor seinem Bildhauerstudium eine Ausbildung als Holzschnitzer absolviert und findet in der Synthese von Kunst und Kunsthandwerk zu einer ebenso faszinierenden wie originären Sprache. Die Büsten der zumeist jungen Menschen vermitteln eine Fremdheit, die sowohl der Adoleszenz eigen ist als auch auf die wesentlichen Fragen und Zweifel des menschlichen Daseins zielt. Dabei entwickelt Demetz einen Realismus, der künstlerische und folkloristische Elemente verschmilzt und traditionelle Formensprache mit einer markanten Gegenwart vereint. Die profunde Ernsthaftigkeit der Figuren und ihre jugendliche Würde verschlüsselt der Bildhauer mit hintersinnigen Attributen. Delikat modulierte Oberflächen im Holz wie in der Bronze zeigen einen exzellenten Handwerker, dem der Künstler in seiner frischen Form- und Figurenfindung in keiner Weise nachsteht (4100 bis 14 500 Euro). Michaela Nolte

Galerie tammen & busch, Chamissoplatz 6, bis 8. September; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr, Sonntag 15-18 Uhr.

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