Oberhausener Manifest : Die Freiheit, die sie meinten

„Opas Kino ist tot“: Vor 50 Jahren proklamierten deutsche Filmschaffende das berühmte Oberhausener Manifest.

Ulrich Gregor
Oberhausen, 26.2.1962. Am Pult steht der damals 30-jährige Alexander Kluge.
Oberhausen, 26.2.1962. Am Pult steht der damals 30-jährige Alexander Kluge.Kurzfilmtage

Es war eine Explosion, die unvermeidlich geworden war. Am 28. Februar 1962 veröffentlichten 26 Filmschaffende, darunter 18 Regisseure, anlässlich der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage das Oberhausener Manifest – eine Detonation zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. In der deutschen Filmszene, die von Stagnation gezeichnet war, hatte sie die Wirkung eines mittleren Erdbebens; schon bald wurde klar, welch Zäsur das Manifest markierte. Vor 50 Jahren ereignete sich eine Zeitenwende im deutschen Film.

Da erklärte eine Gruppe junger Filmemacher – übrigens ausschließlich Männer – ihre entschiedene Ablehnung von „Opas Kino“. Gleichzeitig formulierten sie ihren Anspruch, den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen. „Dieser neue Film braucht neue Freiheiten. Freiheit von den branchenüblichen Konventionen. Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner. Freiheit von der Bevormundung durch Interessengruppen“, heißt es programmatisch, bis zum zentralen Schlusssatz. „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“

Wer waren die Rebellen? Nicht alle Unterzeichner kennt man heute noch: Ferdinand Khittl, dessen „Parallelstraße“ zum Undergroundkultfilm wurde und der das Manifest in Oberhausen verlas, gehörte ebenso dazu wie Alexander Kluge, der die anschließende Diskussion leitete. Ebenfalls dabei waren Edgar Reitz, Peter Schamoni, Haro Senft – der mit der Münchner Gruppe „DOC 59“ die Sache ins Rollen gebracht hatte – oder auch Rob Houwer, der spätere Produzent von Michael Verhoevens Vietnamfilm „O.K.“, der 1970 auf der Berlinale Skandal machte und das Festival zu Fall brachte. Neben Hans-Jürgen Pohland und Herbert Vesely, dessen surrealistischer Filmessay „Nicht mehr fliehen“ auf den Spuren Buñuels wandelte, waren auch die damaligen Stars des Dokumentarfilms mit von der Partie, Hans Rolf Strobel und Heinrich Tichawsky. Deren brillante Satire „Notizen aus dem Altmühltal“ von 1961 brachte deutsche Diplomaten zur Verzweiflung, wenn der Film in Goethe-Instituten gezeigt wurde.

Ein beachtliches künstlerisches Potenzial von den Randbezirken des deutschen Kinos war da versammelt, die Protagonisten eines Laboratoriums, aus dessen Umgebung auch die ersten Kurzfilme von Kluge und Reitz stammten. Von den etablierten Vertretern der deutschen Filmindustrie waren sie bis dahin nicht ernst genommen und ausgegrenzt worden – früher oder später musste es zum Protest kommen. Zumal es bereits eine publizistische Plattform der Filmdissidenten gab, die 1957 von Enno Patalas gegründete Zeitschrift „Filmkritik“. 1961 waren außerdem zwei fundamental kritische Bücher erschienen, „Der deutsche Film kann gar nicht besser sein“ von Joe Hembus und Walther Schmiedings „Kunst oder Kasse/Der Ärger mit dem deutschen Film“. Die jüngere filminteressierte Generation las ohnehin Kracauers Klassiker „Von Caligari zu Hitler“ oder Lotte Eisners „Dämonische Leinwand“.

Obwohl die meisten der aufbegehrenden Regisseure in München lebten und arbeiteten, war Oberhausen der geeignete Ort zur Verkündung des Manifests. Denn die dortigen Kurzfilmtage, 1954 von Hilmar Hoffmann ins Leben gerufen, hatten sich den Ruf eines prominenten Festivals für die nachwachsende Generation erworben. Hier pflegte man die Begegnung mit Filmen und Regisseuren aus Osteuropa und den Entwicklungsländern. Das polnische, jugoslawische und kubanische Kino feierte hier Triumphe. Wer sich in Deutschland für Filmkunst interessierte, der fuhr nach Oberhausen – höchstens das Festival von Mannheim hatte noch eine ähnliche Funktion, mit Filmen der internationalen Avantgarde.

Die Berlinale war damals unter den Cinephilen schlecht angesehen. Hier liefen zu viele mittelmäßige Filme, das Klima stimmte nicht. Enno Patalas schrieb in der „Filmkritik“: „Es ist Mitternacht, Dr. Bauer“ – Alfred Bauer war der damalige Leiter der Filmfestspiele.

Um die Aufregung über das Oberhausener Manifest zu begreifen, muss man sich die damalige Situation im europäischen Kino vor Augen führen. Die frühen sechziger Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs, überall formierten sich neue Schulen und Strömungen. In Frankreich hatte gerade die Nouvelle vague die „Tradition der Qualität“ abgelöst. In England gab es das Free Cinema. Im Ostblock waren junge Regisseure dabei, den sozialistischen Realismus zu unterminieren. In Brasilien entwickelte sich das Cinema Novo unter Glauber Rocha. Nur in Deutschland herrschte zunächst noch kinematografische Friedhofsruhe. Der kassenträchtige Unterhaltungs- und Heimatfilm dominierte, es gab auch keine filmkulturelle Infrastruktur, keine Kinematheken, keine Filmschule. Eine Trendwende war da überfällig.

In der Film- und Kulturszene Berlins gab es parallele Strömungen. 1963 gründete ich mit einigen Gleichgesinnten den Verein der „Freunde der Deutschen Kinemathek“, um die Schätze der vom Land Berlin angekauften Filmsammlung des Regisseurs Gerhard Lamprecht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In unserer ersten Veranstaltung im Mai 1963 in der Berliner Akademie der Künste zeigten wir – neben Paul Lenis „Wachsfigurenkabinett“ von 1924 – auch ein Programm von Kurzfilmen der neuen deutschen Regiegeneration, mit direktem Bezug auf das Oberhausener Manifest. Dazu gehörten Edgar Reitz’ brillanter Experimentalfilm „Geschwindigkeit“ sowie Kluges Essayfilm „Lehrer“. Und natürlich, stürmisch umjubelt, der Klassiker „Notizen aus dem Altmühltal“.

Etwa zur gleichen Zeit eröffnete in West-Berlin die „Schaubühne“, und der Wagenbach-Verlag wurde gegründet. Mit beiden pflegten wir „Freunde“ eine enge Zusammenarbeit. Walter Höllerer organisierte denkwürdige Diskussionen mit Vertretern der amerikanischen Film- und Literaturavantgarde. 1970 eröffneten wir dann das Kino „Arsenal“ in Schöneberg – das inzwischen am Potsdamer Platz eine neue Heimat gefunden hat. Geschichte und Geschichten, die ohne das Oberhausener Manifest kaum denkbar sind.

Manche klagen, mit der Erneuerung des deutschen Films habe es nach dem Manifest zu lange gedauert, und er sei von administrativen Strukturen erdrückt worden. Tatsächlich wurde erst 1965 das Kuratorium Junger Deutscher Film als Gremium für die kulturelle staatliche Filmförderung ins Leben gerufen, das eine wichtige Rolle in der Entwicklung des neuen deutschen Kinos spielen sollte. Im ersten Jahr förderte das Kuratorium nicht nur Alexander Kluges „Abschied von Gestern“, sondern auch Vlado Kristls surrealistische Fabel „Der Brief“ (einen Film, den man wiederentdecken sollte) sowie Spielfilme von Strobel/Tichawsky, Pohland, Reitz und Haro Senft. Später kamen Filme von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet hinzu. Ohne das Kuratorium, eine Folge des Oberhausener Manifests, hätte es all diese Filme nicht gegeben.

Das Manifest war das ersehnte Signal, der Startschuss. Es lohnt sich, zum Jubiläum nicht nur an diese Zäsur zu erinnern, sondern sich auch das Kino jener Zeit zu vergegenwärtigen. Etliche Filme von damals haben es verdient, aus der Versenkung geholt zu werden.

Der Autor, Jahrgang 1932, lebt als Filmhistoriker in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau Erika Gregor ist er nicht nur Mitgründer „Freunde der Deutschen Kinemathek“ und des Arsenal-Kinos, sondern auch des Forums der Berlinale, das er von 1980 bis 2000 leitete.

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