Kultur : Oberliga

Fußballbilder: eine Ausstellung in der Galerie Max Hetzler

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Der Sohn des Galeristen spielt seit einem halben Jahr im Sturm der F-Jugend des Berliner Fußballklubs Tennis Borussia (TeBe). Da wollte der Vater nicht nur am Spielrand stehen und hat sich und 14 Künstler zu einer Sommerausstellung inspirieren lassen. Der Titel „Lila, weiß und andere Farben“ bezieht sich auf die Vereinsfarben von TeBe und auf die Kunst als Nachwuchsförderung des Fußballs. Ein Teil der Einnahmen kommt der Jugendarbeit des Clubs zugute.

Um aber die Schwächen von Benefiz-Veranstaltungen zu meiden, bei denen wohlwollende Künstler meist irgendein Werk aus dem Depot holen, fand Hetzler namhafte Mitstreiter, die speziell für die Fußballschau Werke produzierten. Franz Ackermanns Beitrag etwa gipfelte in einem Arrangement mit Kultgegenständen aus seinem Leben als Fußballfan und einer scharfsichtigen Fotodokumentation von Bolzplätzen in aller Welt (10 000 Euro). Fußball ist sein Leben, seine Leidenschaft und sein Beobachtungsinteresse. Der Beitrag kann aber auch als kontrollierte Antwort auf Tracy Emins biografische Obsession gelesen werden: passionierte Lebenskunst als Dokumentation.

Tennis Borussia dümpelt in der Oberliga Nord und gilt, so sieht es Harald Fricke, der Kunstkritiker und gelegentliche Sportreporter der taz, als „Berlins wichtigster Fußballverein in Sachen Multikulturalismus.“ Hier lernen die jungen Kicker nicht nur das Einmaleins der Meritokratie, sondern auch, dass jeder für alle spielt und der Ball rund ist. Die Herkunft der Spieler zählt nicht. Wichtig sind allein die sportliche Leistung und das soziale Verhalten in der Kampftruppe.

Die Variationen zum Thema Nummer 1 versammeln, was aus Fan-Perspektive den Fußball ausmacht. Bart Domburg monumentalisiert das Stadion, Rineke Dijkstra porträtiert Spieler, Frank Nitsche und Michel Majerus bringen die Dynamik von Spielzügen ins Bild und Thomas Struth stellt eine Frau in den Blusenfarben von TeBe frei ins Weiß. Die Ambivalenz zwischen trügerischer Tiefe der Räume und Realitätsgehalt dieses Sports – wer ihn nicht erfühlt, der wir ihn nicht erfassen – simuliert Thomas Demand als zwielichtiges Bild des verlassenen Umkleideraums des Mommsenstadions, in dem die Mannschaften vom TeBe ihre Heimspiele austragen. Wie die Sakristei in der Kirche ist die Umkleidekabine ein für die Öffentlichkeit verbotener Ort: die Festung der Spieler. An einem Haken hängt noch ein Bügel. Die Tapete löst sich. Ein Plastikbecher liegt auf dem Boden. Der Raum erscheint banal, geschichtslos und austauschbar. Seine Merkwürdigkeit gewinnt er durch Demands surreale Lichtregie, die jede Behauptung über den Raum in Zweifel zieht (32 000 Euro). Und selbst in der Begeisterung, den Zweifel am Bild zu sähen, unterscheidet sich der Ketzer in der VIP-Lounge von den Fans in der Südkurve.Peter Herbstreuth

Galerie Max Hetzler, Zimmerstraße 90/91, bis 7. September; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr.

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