"Object Lessons" im Werkbundarchiv : Mein lieber Watson

Schlackenschotter, Hasennudeln, Fischbein: Das Berliner Werkbundarchiv erteilt mit „Object Lessons“ Unterricht zur Materialität der Dinge.

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Object Lesson Box
Holzproben. Detail einer Object Lesson Box aus dem 19. Jahrhundert.Foto: A.-S. Lehmann

„Der Unterschied zwischen der schwarzen Tiruchirapalli-Tabakasche und der weißen, flockigen Asche einer englischen Mischung“, belehrte Sherlock Holmes seinen Assistenten Dr. Watson, „ist so groß wie der zwischen einem Kohlkopf und einer Kartoffel.“ Der englische Detektiv konnte über hundert verschiedene Tabakaschen voneinander unterscheiden. Vor allem seine profunden Kenntnisse des Materials führten ihn auf die Spur des Verbrechers.

Wie lernen Schüler die Eigenschaften des Materials, wie können Lehrer den Unterschied zwischen Roggen- und Gerstenkörnern vermitteln, wie erfahren Laien, woraus Kupfer besteht? In der sinnenfrohen Ausstellung „Object Lessons“ geht das Werkbundarchiv – Museum der Dinge der Frage nach, wie Kenntnisse von Werkstoffen gelehrt werden können. In fein gearbeiteten Original-Kabinetten versammelt die Ausstellung die physische Substanz der Welt und gibt en miniature einen Eindruck von ihrem Reichtum.

Schon im 18. Jahrhundert schulten Adelige ihren Blick für die unterschiedlichen Qualitäten von Hölzern nicht mehr im Wald oder im Sägewerk, sondern in der Xylothek. Kleine Holzkisten, die von außen wie Bücher gestaltet sind, enthalten alle Produkte eines Baumes wie Nadeln, Zapfen, Rinde, Holz. Der ganze deutsche Wald in Kästchen.

Systematische Vermittlung von Material - wie haptische Poesie

Im 19. Jahrhundert entwickelten die Geschwister Elizabeth und Charles Mayo aus London Unterrichtseinheiten für die systematische Vermittlung von Material – sie nannten sie „Object Lessons“. In der Ausstellung sind die Originalkästen zu sehen, die Elizabeth Mayo zusammen mit ihrem Schulbuch „Lessons on Objects“ 1830 verwendete. Schubladen mit Ordnungsfächern wie im Setzkasten enthalten Proben von Stein, Stoff oder Holz.

Charles Mayo hatte drei Jahre bei Johann Pestalozzi gelernt. Der Schweizer Pädagoge bezog erstmals die unmittelbare Umgebung der Schüler in den Unterricht ein. Aber anders als die Geschwister Mayo gab er die Beschreibung selbst vor: Was ist rund, was ist leicht, was ist warm? Die Mayos fragten umgekehrt: Wie sieht Glas aus, wie fühlt es sich an, was kann man damit machen? In ihrer Object Lesson Box hatten sie hundert greifbare Beispiele parat – ein Universum im Kofferformat. Heute wirken die Mahagonikästen mit ihrer Vielfalt an Material vom Korken bis zum Gänsekiel wie haptische Poesie.

Object Lessons sind auch Sprachlektionen

Schlackenschotter, Hasennudeln, Fischbein – Object Lessons sind auch Sprachlektionen, weil es um die genaue Bestimmung der Eigenschaften eines Materials geht. Muschelseide etwa wird aus dem Sekret der Steckmuschel gewonnen. In Kratz- und Beißproben mussten Geologiestudenten mit Fingernägeln oder Zähnen ihre Kenntnisse von Gestein beweisen. In einem Drogenkasten sind Proben von Arzneipflanzen zu sehen, die angehende Apotheker bestimmen müssen. Lindenblüten, Arnika oder Agar Agar – die Beschriftung fehlt, weil die Schaukästen für Prüfungen verwendet wurden.

Moderne Materialsammlungen finden sich vor allem im Handwerk. Variationen von Sichtbeton sind da zu bewundern oder die Optik unterschiedliche Parketthölzer. Das Schweizer Materialarchiv hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch fast vergessene Werkstoffe aus Architektur, Kunst und Design in einer Online-Datenbank zu erfassen. Die Muster sind mit einem Chip auf der Rückseite versehen. Legt man sie auf einen Scanner, zeigt der Bildschirm alle Beschreibungen und Verwendungsmöglichkeiten. Der Vorgang führt vor allem den Verlust vor Augen. Statt Holz und Samt, Kautschuk und Granit ertasten die Finger nur noch das Glas des Bildschirms. Aber – in den Object Lessons können die Besucher dann gleich noch mal nachschauen –: Woraus besteht eigentlich Glas?

Werkbundarchiv, Museum der Dinge, Oranienstraße 25, bis 16. 1.; Do–Mo 12–19 Uhr.

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