Kultur : Objektiv subjektiv

„Egoshooter“ – ein radikales Kinoexperiment von Oliver Schwabe und Christian Becker

Jan Schulz-Ojala

Erstmal Schnellrücklauftaste. Zu Oskar Roehlers „Agnes und seine Brüder“. Die Familienhölle mit Herbert Knaup und Katja Riemann. Der nervende Sohn mit der Videokamera. Richtig, Tom Schilling. Kleiner fieser Vaterhasser. Kleines fieses Muttersöhnchen, das den Vater beim Wutanfall filmt. Bis der gegen den Sohn tobt, der das alles aufzeichnet. So’n Videotagebuch wahrscheinlich. „Meine Scheißfamilie“ könnte das heißen, Tag X, Monat Y, Jahr Z. Und jetzt zurück. Alles auf Anfang. Film ab. Naja, Film.

„Egoshooter“ ist so, als wäre „Agnes“ anders weitergegangen. Übergegangen in den Sohnfilm. Weg von Mama, hau weg den Papa und in einer komischen WG weitermachen mit dem frischen Leben. Tom Schilling filmt die blöde Welt. Tom Schilling filmt sich selbst, den auch irgendwie Blöden. Nur dass er hier Jakob heißt. In einem kunstvoll erfundenen Videotagebuch, das kunstlos krudes Videotagebuch spielt. Handlung gibt es keine. Es geht nur so durch die Tage. Und Träume. Total anstrengend. Total entspannend. Nichts muss passieren. Passiert schon was, immer wieder.

Tom Schilling alias Jakob lebt jetzt mit einem Bruder zusammen. Der hat eine Freundin. Die ist schwanger. Tom Schilling alias Jakob filmt die beiden beim Sex. Der Bruder merkt’s erst nicht, die Freundin lässt es zu. Später streichelt er die Brüste der Schwangeren, während sie schläft. Und filmt das. Alles filmt er. Wie er masturbiert. Wie er eine Freundin mit der Hand befriedigt. Wie sie nachher sagt: „Weißt du, was ich schön fand: dass du ihn nicht reingesteckt hast.“ Oder jemand filmt sie beide. Aber egal. Irgendwann sind die objektive und die subjektive Kamera eins.

„Egoshooter“ ist manchmal wie die „Ego-Shooter“-Computerspiele: Tom/Jakob schießt aus der „first person“-Perspektive auf sein Leben. Manchmal auch schießt die Kamera auf Jakob, als hielte er sie selber: Wie er am Rheinufer langradelt, bis er sich eine blutige Nase holt. Wie er sich als verlorener Bubi auf Klassenfahrt ausgibt und in der Fußgängerzone fürs Bahnticket bettelt. Wie er sich mit irgendjemandes verlorener Mutter besäuft. Wie er eine Nachbarwohnung zerkloppt. Nur so. Und immer so weiter. Das könnte jetzt immer so weitergehen.

Ja, Jakob ist einsam. Ein Selbstgesprächiger. Ein Abhänger. Einer, der sich immer wieder verliebt, neenee, war nicht so gemeint. Ein Elternloser auch. Ein Zukunftsloser. Einer wie so viele, die du in der U-Bahn siehst und die dich mit ihren müd-nervösen Augen filmen. Dann wieder halten sie die Kamera auf sich selbst. Ihr Gesicht. Die Entpuppungsstationen der Kindheit von einem Blick zum nächsten. Tom Schilling macht das sehr gut. Er spielt keinen, der sich jetzt bloß deshalb verändert, weil das hier ein Film sein soll. Sondern einen, der ist. Angenehm unangenehm.

Es gibt auch zwei Regisseure, beide Absolventen der Kölner Kunsthochschule für Medien. Den Kurzfilmer Christian Becker. Und Oliver Schwabe, der seit 1998 sieben echte Videotagebücher von echten Jugendlichen fürs Fernsehen zusammengeschnitten hat. Ein Lebensjahr in 45 Minuten. Das fanden die Leute um Wim Wenders’ Produktionsfirma Reverse Angle Factory so toll, dass sie den beiden vorschlugen: Erfindet doch mal so ein Leben. „Egoshooter“ ist der vierte Film in der WDR-Nachwuchsreihe „radikal digital“ und ihr radikalster.

Nochmal zurück die Schnelllauftaste. Hans Weingartners „Weißes Rauschen“, noch so ein Kölner Wahnsinnsprojekt. Das war Daniel Brühl damals, als ihn noch keiner kannte. Tom Schilling, den sie alle schon kennen, holt in „Egoshooter“ was nach. Jakob kommt zu sich, ich meine, Tom, und das ist gut. Ob Videotagebuchschreiben oder uraltschönen Tintenkram: Was passiert, ist gar nicht so wichtig. Nur das Gefühl, dass es immer weitergeht, irgendwas.

fsk am Oranienplatz

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