Kultur : Objektiv unschuldig

Prinzip Neugier: Die Foto-Sammlung Herzog im Münchner Haus der Kunst

Bernhard Schulz

Angefangen hat es mit einer eher unscheinbaren Fotografie von Spinnerinnen, entstanden um 1900. Ein weißer Hund im Vordergrund gab den Ausschlag: Seinetwegen erwarb Peter Herzog das Blatt auf einem Zürcher Flohmarkt.

Aus diesem beiläufigen Kauf entwickelte sich binnen dreier Jahrzehnte eine der bedeutendsten Fotosammlungen der Welt. Der Anwalt Peter Herzog und seine Frau Ruth haben sich nie auf die großen Namen der Fotografiegeschichte kapriziert, sondern stattdessen das Medium im Stande seiner Unschuld in den Blick genommen. Man mag sich streiten, wie lange diese Unschuld, dieses kindliche Staunen angesichts der Möglichkeit, Realität auf chemisch behandeltes Glas oder später Papier zu bannen, angedauert hat. Sie währte mindestens das 19. Jahrhundert lang – und damit die ersten sechs Jahrzehnte der Fotogeschichte.

Rund 300 000 Fotos sind im Laufe der Zeit zusammengekommen. Seit drei Jahren firmieren sie als Fondation Herzog; gehütet werden sie in einem spartanischen Depot im Basler Zollfreilager. Dort gab es bereits kleinere Ausstellungen, zu denen man sich regelrecht durchkämpfen musste; und natürlich gab es, mit wachsendem Ruf und Ruhm der Sammlung, Leihgaben überallhin. Jetzt ist im Münchner Haus der Kunst die erste repräsentative Auswahl der Sammlung Herzog zu sehen. Unter dem Titel „Der Körper der Photographie“ versammelt sie rund 1000 Fotografien, begleitet von einem imponierenden Katalogbuch mit 400 Aufnahmen.

Im Grunde ist es eine Sammlung zum 19. Jahrhundert – zu ihren Entdeckungen sowohl in der Welt „draußen“ als auch im Medium selbst. In 143 einheitlich gestalteten Vitrinen lässt sich dieser doppelte Entdeckungsweg verfolgen. Immer ist es das Staunen, das die Sammler angezogen hat: das Staunen angesichts der fernen Länder, von denen die Fotografie erstmals zuverlässige Kunde zu geben vermochte, wie später angesichts des Alltäglichen oder besser noch des Zufalls, der sich immer wieder einschleicht und von der Kamera unauslöschlich eingefangen wird. Den Katalogumschlag ziert darum auch jene Pariser Portraitfotografie eines kleinen, fein herausgeputzten Mädchens, dem der Fotograf den Kopf richtet – entstanden 1859/60 im florierenden Atelier des Pariser Fotografen Disdéri, der mit fotografischen Visitenkarten ein Vermögen machte.

Paris spielt überhaupt eine Hauptrolle in der Sammlung Herzog. Bald war alles bildwürdig: der Bau der Metro, das Nachtasyl im dritten Kellergeschoss, die Verhaftung eines Taschendiebs. Und all das landete später auf Flohmärkten, ein Schatz, von dem die Sammler riesige und doch nur winzigste Teile gehoben haben.

Daneben sind es die großen Fortschritte der fotografischen Technik, die im Münchner Haus der Kunst in eigenen Kabinetten gewürdigt werden: die Aufnahmen des Halley’schen Kometen von 1910, die gigantische Vergrößerung eines Fliegenflügels, die Bewegungsaufnahmen, die Röntgenfotografie; dazu die allmähliche Einführung der Farbe, zunächst durch die aufwändige Chromolithografie.

Wiewohl die Sammlung Herzog insbesondere die Gebrauchsfotografie pflegt, finden sich hier bedeutende Namen der Frühzeit, wie Maxime du Camp oder Gustave Le Grey. Was in der Ausstellung fehlt, aber einen wichtigen Bestandteil der Sammlung ausmacht, sind die Alben, wie man sie im 19. Jahrhundert von Reisen anzulegen pflegte. Es waren hoch geschätzte Geschenke für die staunende Mehrzahl derjenigen, die selbst noch nicht reisen konnten, aber an der Entdeckung der Erde teilnahmen. Zur Unschuld der Fotografie gehören allerdings auch die Aufnahmen archaischer Grausamkeit, die bei Fernreisen abfielen. Dem Kameraobjektiv – das nicht von ungefähr so heißt – ist jeder Gegenstand gleich.

München, Haus der Kunst, bis 12. Juni. Katalog im Limmat Verlag, Zürich, 39 €.

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