Kultur : Objektpräsentationen von Haim Steinbach

Katja Reissner

"I am interested in the language of things", sagt Haim Steinbach. Doch für seine Arbeit im Neuen Berliner Kunstverein hat er sich nicht auf die stumme Sprache der Dinge beschränkt, sondern lässt auch die Besitzer der ausgestellten Gegenstände sprechen - via Videos, die Ausschnitte ihrer Interieurs zeigen. Dort stehen die Dinge in dem Zusammenhang, der ihnen von den Bewohnern zugewiesen wurde. Steinbach präsentiert sie auf einem Baugerüst aus Stahlrohren, das eine Passage diagonal durch die Räume des Neuen Berliner Kunstvereins bildet.

Der amerikanische Künstler versteht sich seit Jahrzehnten auf die spektakuläre oder lapidare Wirkung von Exponaten, die er - aus dem Zusammenhang von industrieller Fertigung, Konsum oder Kuriositätenkabinett entnommen - im Ausstellungskontext präsentiert. Er platzierte sie meist auf Regale aus Laminat und Sperrholz, die die Waage zwischen minimalistischen Wandobjekten und Designermöbeln hielten. Seine Lavalampen, Kochtöpfe, Elefantenfüße oder hybriden Kitschobjekte hatten - so auch in der Berliner "Metropolis"-Ausstellung Anfang der Neunziger - etwas Sensationelles, konnten aber auch beliebig wirken, wenn sie in Wiederholung aufgereiht waren.

Steinbach stellt sich mit seinen Objektpräsentationen in eine Tradition des 20. Jahrhunderts, die in Kunst, Literatur und Sprachphilosophie die Spannung zwischen Erscheinung und Bezeichnung des Gegenstandes auslotete. "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose", sagte Gertrude Stein, und René Magritte verneinte, dass eine Pfeife auf seinem Bild abgebildet sei. Marcel Duchamp gab seiner Schneeschaufel wiederum ein Orakel mit: "In advance of a broken arm." Ready-made und objet trouvé sprengten die geordneten Kunstkontexte, verwiesen auf die Unwägbarkeiten ausserhalb der Kunst. Dinge wurden zum "Babel akkumulierter ausgesprochener Wünsche", wie Bruce W. Ferguson in einem Essay über Steinbach schreibt.

Und doch ist im Kunstverein die Wirkung des Displays fraglich: Die winzigen Porzellankätzchen, die auf Glasscheiben über dem Kopf des Betrachters schweben, sind nichts als blöde, kitschige Porzellankätzchen, ein bisschen verloren, aber nichtssagend. Es sei denn, man begreift sie als eine nicht besonders anspruchsvolle Metapher, Sehnsüchte nach dem Kindchenschema auszudrücken. Die schwebende Kugel in Eiform wirkt magisch; doch das tat sie im Fenster ihrer Besitzerin schon die ganzen Jahre zuvor.

In die Sentimentalitätsfalle des großen Puppenhauses, das von beiden Seiten eingesehen werden kann, lässt sich der Betrachter mit Wonne locken und fühlt sich nostalgisch in seine Kindheit versetzt. Der kleine Kasten allerdings mit den zwei identischen Teekannen in Schneckenform, den Kunstdrucken und Büchern ist eine fast perfekte Wunderkammer und somit ein sehr elaborierter oder auch elitärer Code. Die zwei kuriosen Kannen spielen auf frühere Gegenstandsreihungen bei Steinbach an.

Womöglich geht es hier insgesamt nur darum, dass der Betrachter beim Gang durch die Passagen den eigenen Wünschen und Sehnsüchten auf die Spur kommt, die er in die zum Greifen nahen und zugleich entzogenen Arrangements von Vasen, Antiquitäten, Büchern und Flaschen hineinprojiziert. In Zeiten der digitalen Beschleunigung sind diese Exponate Verweise auf Depots, die solche Menschen zu schützen vermögen, die sich noch nicht aus ihren materiellen Konstellationen befreit haben. Dennoch haben sie diesen Zustand soweit überwunden, dass sie Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung nutzfrei ausstellen können. Haim Steinbach hat sich hier von seinem eleganten und kalten Diskurs über das Ausstellen im Kunstkontext entfernt und ist auf einen Weg emotionaler Untiefen gelangt.Neuer Berliner Kunstverein, Chauseestraße 128/129, bis 25. Juni; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend/Sonntag 12-16 Uhr.

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