Kultur : Observation ist alles

Frank Noack

Stanley Kubricks erster Langfilm "Fear and Desire" bleibt wohl für immer unter Verschluss - der Meister selbst begründete das damit, 1953 habe er das Handwerk noch nicht beherrscht. Verständlich, doch schade. Auch Genies haben klein angefangen.

Christopher Nolans erster Langfilm heißt "Following" - ein Verwirrspiel wie sein verblüffender Thriller "Memento", der letzte Woche ins Kino kam. In "Following" versucht der angehende Schriftsteller Bill (Jeremy Theobald) Inspiration für einen Roman zu finden, indem er wildfremde Menschen auf der Straße verfolgt. Nach strikten Regeln: Jeder Passant wird nur einmal observiert, dann ist der Nächste dran. Doch bald wird der Beobachter selbst zum Beobachteten. Der Kontrollfetischist Bill verliert die Kontrolle. Die Geschichte erzählt er, nicht chronologisch, einem Polizeibeamten. Aber vielleicht ist alles auch nur erfunden?

Der 31-jährige Nolan hat gerade mal zwei Filme gedreht, sein dritter (mit Al Pacino und Robin Williams) ist in der Endfertigung - und doch ist Nolan schon eine Größe des gegenwärtigen Kinos. Ähnlich wie David Lynch wiederholt er sich ständig, doch man sieht ihm dabei gerne zu. An Nolan sieht man allerdings auch, dass selbst das größte Talent auf ein solides Budget angewiesen ist. "Following" ist, was die Herstellungsbedingungen angeht, ein Amateurfilm. Er wurde überwiegend mit Handkamera in Schwarzweiß und auf 16mm gedreht. Weil die Beteiligten einer geregelten Arbeit nachgehen mussten, stand nur der Sonnabend als Drehtag zur Verfügung; dadurch zog sich die Arbeit ein Jahr hin. Den Darstellern fehlt es an Charisma, und der blasse Jeremy Theobald ist ein Freund Nolans und sein Co-Produzent. Solche Freundschaftsdienste hat Nolan nun nicht mehr nötig. Und er kann sie sich auch nicht mehr erlauben.

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