Kultur : Occupy Goethe

Das Läppische, hier wird’s Ereignis: Nicolas Stemann entdeckt „Faust I + II“.

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Foto: Krafft Angerer

Wie die Zeit vergeht. Eigentlich sollte zu den Salzburger Festspielen 2011 der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler die Eröffnungsrede halten. Eine gute, strittige Wahl. Ziegler hätte Sätze gesagt wie „Ein Kind, das heute verhungert, wird ermordet“ oder „Gegen die strukturelle Macht des Kapitals sind Beethoven und Hofmannsthal machtlos“ – und alle Politiker und Sponsoren hätten sich in ihrem glamourösen Selbstverständnis anpinkeln lassen müssen. Dann freilich brach der Arabische Frühling aus, und Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller befand, Zieglers Nähe zu Gaddafi (den er mehrfach getroffen hatte) sei zu groß, weshalb sie ihn kurzerhand wieder auslud. Statt seiner sprach nun Joachim Gauck, über Europa, wie angenehm. Heute ist Gauck deutscher Bundespräsident und Ziegler sicher immer noch sauer, zu Recht.

Für die Kunst kann die verordnete Entpolitisierung ihrer Großevents zweierlei bedeuten: Entweder sie greift die Provokation auf und mobilisiert ihrerseits alle verbliebenen politischen Kräfte – oder sie knickt weg und ein und kümmert sich nicht weiter drum. Bei Nicolas Stemanns „Faust“-Spektakel (erster und zweiter Teil, siebeneinhalb Stunden), das die Salzburger Festspiele mit dem Hamburger Thalia Theater koproduziert haben, tritt weder das eine noch das andere ein, und das ist ein kolossales Glück. Theater muss sich nicht politisch gebärden, um politisch zu sein und sich in die Köpfe seiner Zuschauer zu bohren, so tief, bis es darin ein anarchistisch wucherndes Eigenleben zu führen beginnt. Theater ist politisch, jedenfalls solange es sich als Kommunikation und Kunstversuch behauptet. So lautet die (nicht ganz neue) Botschaft dieses „Faust I + II“ – und selten wurde sie so ehrlich und spielerisch zugleich formuliert und umgesetzt wie von Stemann und seinen Schauspielern.

Es sind weder die Börsenkurse und Streikposten noch der sterbende Schwan mit dem Logo der Deutschen Bank auf der haarigen Brust, an denen die Zeitgenossenschaft dieser Aufführung zu messen wäre. Im Gegenteil. Alles nur Material in einem grandiosen, mal mehr, mal weniger augenzwinkernden Materialüberprüfungsverfahren, welches Goethes Verse ausdrücklich mit einschließt. Letztlich lässt Stemann zwischen Raum und Sprache, Bild, Text, Ton und Geste keinen Unterschied gelten. In der Gleichberechtigung liegt die Kraft des Gesamtkunstwerks, sagt er, der gerne auch mal selbst zum Mikro greift und moderierend durchs Geschehen schweift. Bühnenbildner Thomas Dreißigacker stellt ihm dafür allerlei praktikables Gerümpel bereit, Tisch, Stuhl, Benzinkanister, ein struppiges Ostersträußchen für den Osterspaziergang; erst in der Tragödie zweiter Teil wird’s optisch etwas opulenter.

Die Schauspieler spielen keine Rollen, sondern arbeiten am Text. Und so abgeschmackt volksbühnenhaft sich das anhört, so virtuos schultern sie diese Herkuleslast. Wenn Sebastian Rudolph in Jeans und T-Shirt den Anfang weiträumig allein bestreitet, Faust ist und Wagner und, mit rot blinkenden Plastikteufelshörnchen, im nächsten Augenblick Mephisto. Wenn Philipp Hochmair, der seinerseits meistens Mephisto spricht, manchmal aber auch Gretchen, im zweiten Teil ein göttliches Solo eingeräumt bekommt und Goethe mimen darf, den Klassiker als ächzenden Mümmelgreis, mit Rasputinbart und Freud’schem Pelzkragen: „Wissen Sie überhaupt, was das ist, Post-Dramatik? Wir haben damals die vierte Wand eingerissen, echte Schauspieler mit Videos gemischt!“ So demontiert sich das ewige Gegreine um Regie, Relevanz und Politik ganz von selbst. Und macht Lust auf Lust.

Auch am Ende, nach vielen Strichen und noch mehr Musik (von Schubert über „Befiehl du deine Wege“ bis Disco), geht es bei Stemann nicht um die ökologischen und ökonomischen Katastrophen unseres Planeten, die Goethe, der Hellsichtige, im vierten und fünften Akt des zweiten Teils förmlich an die Wand malt, als Resultat männlich-faustischen Strebens. Eine verpasste Chance und Enttäuschung? Vielleicht. Weil es sich mit Weltanschauung immer noch geübter leben lässt als ohne, auch im Theater. Trotzdem hat das bunte Völkchen aus berühmten Persönlichkeiten (Eckermann! Max Reinhardt!), niedlichen Englein und schrägen Vögeln, das Stemann zum Finale an die Rampe treibt, auf dass sie zu einem veritablen Les-Humphries-Beat den Chorus Mysticus anstimmen, eine wundersame Leichtigkeit: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“. Wie die Zeit vergeht.

„Faust I + II“, Haus der Berliner Festspiele, 12. und 13. Mai., 15.30 Uhr.

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