Kultur : Occupy WDR 3

Alexandra Zwick über den Kampf ums letzte echte ARD-Kulturradio

Deutschland – ein Land im Kulturwahn. Alle möchten nur noch „kreativ“ sein. Politiker preisen die Bohème als „sexy“. Und sogar Floristen, Köche und Softwareentwickler sehen sich neuerdings als „Künstler“. Wie gut, dass wenigstens der öffentlich-rechtliche Rundfunk der grassierenden Kulturhysterie energisch – und mit feiner Vernebelungstaktik – entgegentritt. Zwar begründen die ARD-Intendanten jede Gebührenerhöhung gern mit ihrem „Kulturauftrag“, geben das Geld dann aber lieber für Fußball und Talkshows aus.

Folgerichtig macht man jetzt auch einem besonders hartnäckigen Kreativ-Erreger den Garaus: dem klassischen Kulturradio. NDR, MDR und RBB haben ihre Kulturprogramme bereits vor Jahren in Klassik-Dudelwellen umgewandelt. Beim größten ARD-Sender hingegen gab man sich lange störrisch und verfolgte mit WDR 3 ein geradezu anachronistisches Konzept von intelligenter Kulturvermittlung. Ja, dort sendeten Redakteure sogar experimentelle Hörspiele, Klangopern und Features, manchmal eine ganze Stunde lang! Als wüssten Medienanalysten nicht längst, wie sehr jeder Wortbeitrag über 3.30 Minuten die Hörerpsyche schädigt, weil der „postmaterielle User“ sich unmöglich länger konzentrieren kann. Tja, wer das Radio immer noch nicht als „Begleitmedium“ mit „Durchhörcharakter“ begreift, scheint – wie WDR-Hörfunkdirektor Schmitz beklagt – hoffnungslos im „Kulturradio-Verständnis der 70er Jahre“ hängengeblieben.

Fatalerweise jedoch besaß das Fossil WDR 3 für labile Kreative eine gewisse Anziehungskraft. Mit verheerenden Folgen für die Quote: Mehr als 300 000 Hörer schalteten die Welle vor dem Reformprozess täglich ein, was einer beunruhigend hohen Reichweite von 2,3 Prozent entsprach. Ein wahrer Infektionsherd an Geist und Esprit! Inzwischen konnte man den Wert immerhin auf 1,6 Prozent drücken, was sich vor allem der Zerschlagung des Magazins „Mosaik“ verdanken dürfte, das laut „FAZ“ selbst bei Nicht- Klassikhörern als „Institution“ galt. Da die örtlichen Zeitungen der DuMont- und „WAZ“-Imperien auf ein kritisches Feuilleton eher verzichten, gab es unter Kulturfreunden in NRW ein heiliges Morgenritual. Zwischen acht und neun Uhr musste man WDR 3 hören, um informiert zu sein. Aber auch dieses schreckliche Abhängigkeitsverhältnis konnten Wellenchef Karl Karst und die damalige Hörfunkdirektorin Monika Piel durchbrechen: Sie blähten das „Mosaik“ zur beitragsarmen Dreistundensendung auf – und setzten den Sendebeginn irrwitzig früh bereits auf sechs Uhr fest.

Ein zweiter, erfolgreicher Therapieschritt hin zum grundentspannten Klassiksender gelang mit dem Outsourcing von Kernkompetenzen. War ein WDR 3Redakteur früher oft gleichzeitig Moderator seiner Sendung, was zu hohen Sympathiewerten und einer unbotmäßigen Identifikation mit seiner Arbeit führte, sieht er sich heute zum Sachverwalter herabgestuft. Moderationen überlässt man gern Fachfremden, die hartgesottene Anspruchshörer mit Allerweltsansprachen nerven sollen: „Gleich hören wir eine Buchbesprechung von einem Schweizer Schriftsteller. Fallen Ihnen spontan drei Schweizer Schriftsteller ein?“ Da 2008 zusätzlich der Wortanteil auf 30 Prozent gesenkt wurde, besteht kaum mehr Gefahr, durch WDR-3-Beiträge unkontrollierbare Neugier zu wecken.

Noch aber ist der Kölner Sender nicht ganz zur störungsfreien Wellnesszone für pensionierte Klassikfans umgetunt. Deshalb sollen nun die letzten Reste eines Kulturbegriffs, der altmodisch auf eine Kommunikation mit dem Hörer abzielt, mit einer weiteren Reform – der vierten in elf Jahren – im Mai endgültig getilgt werden. Doch, oh Schreck, es regt sich Widerstand – ja, der Kreativ-Erreger scheint sogar noch aggressiver, als ARD- Funktionäre sich jemals vorstellen konnten! Knapp 8000 Kulturjunkies haben binnen einer Woche unter www.die-radioretter.de für eine Wiederbelebung des alten WDR 3 unterschrieben, darunter bestürzend viele Studenten, Künstler und Prominente aus dem gesamten Bundesgebiet. Am Freitagabend war der WDR- Rundfunkrat von derart viel Protest so irritiert, dass er seine Zustimmung für die Abschaffung des Kulturradios vertagt hat. Droht nun gar ein Rückfall in Zeiten kultureller Aufklärung?

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