Kultur : Odyssee 2003

Traum oder Zukunft? Eine Diskussion mit George Clooney

Christiane Peitz

„Alle Filme sind Träume“, sagt „Solaris“-Regisseur Steven Soderbergh. Allerdings wolche, die man gemeinsam träumt. „Ich glaube an den einzelnen Menschen“, sagt „Solaris“-Hauptdarsteller George Clooney, als es um den religiösen Subtext des Films geht. Sein Schauspiel-Kollege Ulrich Tukur erkennt in Soderberghs Version von Lems Science-Fiction-Klassiker ein psychologisches Kammerspiel Strindbergschen Ausmaßes. Zukunftsforscher Matthias Horx pflichtet dem bei: Bilder von der Zukunft tauchen im Film nicht auf; er vergleicht die Raumstation lieber mit dem Fegefeuer und Solaris mit der Emanation eines höheren Wesens, ähnlich dem schwarzen Monolithen in Kubriks „Odyssee 2001“. Und Traumforscher Wolfgang Leuschner zieht seinerseits Parallelen zwischen der Wiedergänger-Thematik des Films und dem Mythos von Orpheus und Eurydike. So sind sie, die Amerikaner und die Europäer: pragmatisch die einen, metaphysisch die anderen.

„Traum und Wirklichkeit – haben wir eine zweite Chance“: so der Titel der von Tagesspiegel-Herausgeber Hellmuth Karasek und RTL-Redakteurin Susanne Kronzucker moderierten Diskussion anlässlich der Berlinale-Premiere von „Solaris“. Eingeladen hatten Twentieth Century Fox, RTL und diese Zeitung am Sonntag ins RTL-Hauptstadtstudio. Von Zukunftsangst und Zukunftslust war die Rede, von Liebe, Schuld und Auferstehung. Soderbergh beneidet Leuschner um sein Forschungsgebiet, sind Träume doch das, wovon Filmemacher nur träumen können: Die kompletten Aufzeichnungen vom Tage werden neu montiert, ohne dass ein Produzent dem zustimmen müsste.

Auch Tagesspiegel-Leser nahmen am Gespräch teil und fragten Clooney nach seiner Neugier auf echte Reisen ins All. Die Aussicht sei bestimmt toll, meint der Star, so eine Kapsel für ihn als Klaustrophobiker aber gewiss zu eng. Trotzdem schwärmen Clooney und Soderbergh als Kinder des „Apollo“-Zeitalters von der Weltraumforschung. Ein bisschen Zukunftsvision muss schon sein. Dabei hatte Horx in „Solaris“ gerade erst eine osteuropäische, Tarkowskische Melancholie ausgemacht.

Vielleicht funktioniert die transatlantische Beziehung ja genauso: Die Europäer entdecken ausgerechnet im amerikanischen Science-Fiction das „alte Europa“. Die Amerikaner lassen sich von solchen Lesarten nicht beirren und werben so fröhlich wie überzeugend für den Aufbruch in unbekannte Welten. Am Ende ist es wie in „Solaris“: Wir träumen einander nur. Fragt sich bloß, wer zuerst aufwacht.

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