Kultur : Odyssee 2010

Kulturhauptstadt: Wie Essen und Görlitz kämpfen

Frederik Hanssen

Eigentlich müsste es eine Selbstverständlichkeit sein – ist es aber nicht: Wenn sich eine EU-Jury im Frühjahr 2006 anschickt, die Kulturhauptstadt des Jahres 2010 zu küren, wird sie sich die beiden deutschen Bewerber Görlitz und Essen nicht unmittelbar ansehen, sondern lediglich aufgrund einer einstündigen Präsentation der Kandidaten in Brüssel entscheiden. Keine befriedigende Lösung, finden Essens Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger und Görlitz’ Kulturbürgermeister Ulf Grossmann. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärten die Politiker am Donnerstag in der Berliner Akademie der Künste, sie würden sich auf europäischer Ebene ein Evaluierungsverfahren wünschen wie bei der nationalen Konkurrenz: Sieben unabhängige Prüfer waren im Winter mit dem Bus durch die Republik getourt, bevor sie sich für das Ruhrgebiet mit Essen als „Bannerträger“ und das deutsch-polnische Doppel Görlitz/Zgorzelec entschieden.

2010 will man in Deutschland der Kulturhauptstadtidee neue Aspekte abgewinnen: Es geht nicht mehr darum, an schönen Orten schöne Kultur zu bieten, sondern urbane Zukunftsmodelle zu entwickeln. Die Strukturprobleme von Görlitz wie auch von Essen sind beispielhaft für viele europäische Regionen, die mit dem Umbau einstiger Industrie- in Dienstleistungs-Zentren ringen: Ob Bergbau und Stahl im Westen oder Braunkohle und Textilindustrie im Osten, in beiden Fällen geht es darum, Wege aus der Misere zu zeigen. Der Kultur im erweiterten Begriffssinne, als Motor des Selbstwertgefühls und Mittel inhaltlicher Standortbestimmung, kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Darum kooperieren Essen und Görlitz, darum will der Sieger dem Unterlegenen 2010 Platz in seinem Kulturhauptstadt-Programm einräumen. „Blutige Nasen werden Sie bei diesem Titelkampf nicht zu sehen bekommen“, betont Grossmann. Und doch gilt am Ende natürlich das alte Kulenkampff-Motto: „EWG – einer wird gewinnen.“

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