• Ödipus und meine Mutter Autobiografische Spurensuche: Nicolaus Sombarts rumänische Reise

Kultur : Ödipus und meine Mutter Autobiografische Spurensuche: Nicolaus Sombarts rumänische Reise

Ernest Wichner

Am 20. August 1972, ein Jahr nach Ceausescus kleiner, von einem Besuch Chinas und Nordkoreas inspirierten Kulturrevolution, bei der die westlichen Einflüsse in der Kultur zugunsten einer „wahrhaft sozialistischen“ Kultur zurückgedrängt wurden, landet Nicolaus Sombart, ein 49-jähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Europäischen Kommission, mit Isabelle, seiner jungen Geliebten, auf dem Bukarester Flughafen. Offizielles Reiseziel ist der „Dritte Internationale Kongress für Zukunftsforschung“ in Bukarest, auf dem er einen Vortrag über den Frühsozialisten Charles Fourier halten will.

Der Sohn des berühmten deutschen Nationalökonomen Werner Sombart und einer Mutter, die einer weitverzweigten, großbürgerlichen rumänischen Gelehrtenfamilie entstammt, hatte als Kind häufig seine Sommerferien auf dem Landgut der rumänischen Familie in Crevedia bei Bukarest verbracht; die Erinnerungen daran sind nach wie vor lebendig, obwohl der letzte Aufenthalt im Sommer 1936 stattfand. Folgerichtig ist eines der Ziele, die er mit seiner „Rumänischen Reise“, dem Abschluss einer autobiografischen Trilogie, verfolgt, eine persönliche Spurensuche, die Ermittlung der Schicksale jener Familienmitglieder, die zur falschen Zeit Karriere gemacht hatten und von den Kommunisten in Gefängnissen und Lagern umgebracht worden waren. Die Begegnung mit der Cousine Yvonne und die Gespräche mit ihr erschließen dem Besucher die ganze Tristesse und das Elend hinter der Propagandafassade, den systematischen Vernichtungswillen, mit dem das Regime während des Stalinismus die Bourgeoisie und als deren Teil auch diese Familie traktierte.

In Jassy besucht Sombart die Universität, um dort seinem Großvater Nicolas Léon zu begegnen, das heißt, dessen Porträt im Rektorat. Der Zoologe mit dem Spezialgebiet Parasitologie war ihr Gründungsrektor. In Constanza am Schwarzen Meer trägt das meeresbiologische Institut den Namen des Onkels Borcia, während das Bukarester Naturkundemuseum den Namen eines weiteren Großonkels trägt: Grigore Antipa. Sie alle sind wieder rehabilitiert und hoch geehrt, ihre Nachkommen aber, die Enkel, leben anonym, proletarisiert und bestenfalls geduldet in Plattenbauwohnungen, während die hochherrschaftlichen Stadtpalais und Sommerresidenzen verstaatlicht bleiben und der neuen Nomenklatura zur Verfügung stehen.

Intellektuelles und politisches Ziel dieser tagebuchartig beschriebenen Reise ist der erwähnte Kongress für Zukunftsforschung; die Freunde und Bekannten des Jahres 1972 assistieren bei der Vorbereitung auf den Vortrag über Fourier ebenso wie nun die Leser dieses Buches: Das revolutionäre Pathos der 68er Jahre grundiert diese Exkurse – allerdings in seiner vornehmeren, intellektuelleren und hedonistischen Variante.

Fouriers Eigentumskritik und Theorie des Begehrens grundiert die Hinführung auf ein weiteres heimliches Reiseziel: Hier im Land der schönen und wohlfeilen jungen Prostituierten soll Isabelle ihren Liebesegoismus überwinden und in einem Akt der Selbstbefreiung die „Produktionsbeziehungen des Begehrens“ freisetzen, „welche die Ordnung der Geschlechter in Unordnung bringen“.

Viel emanzipatorisch klingende Theorie für den schlichten Wunsch nach einer zweiten Gespielin. Doch was ins Zentrum eines oberflächlichen Interesses gerückt war, die Frage, wer kriegt wen mit welchen Mitteln dazu, ihm zu Willen zu sein, wird wie nebenbei von einer ungeplanten Entdeckung an den Rand gerückt.

Zwar ist ihm aus vielen Gesprächen bekannt, dass Corinna Léon, seine Mutter, eine junge Wissenschaftlerin, die soziologische und philosophische Aufsätze publizierte, der Star und Hoffnungsträger der rumänischen Universität war, dass sie zahllose Verehrer hatte, aber er weiß nicht, warum diese schöne Frau den dreißig Jahre älteren deutschen Professor geheiratet und mit ihm das Land verlassen und ihre Karriere aufgegeben hat.

Die Aufklärung des Rätsels schockiert den Sohn noch nach dem Tod der Mutter, zumal sie ihm die Schwermut dieser Frau erklärt. Sie hatte ein Liebesverhältnis mit ihrem Schwager, dem Mann ihrer älteren Schwester; es war beider große Liebe, in der sie als die Störende auf Geheiß des Vaters geopfert und gezwungen wurde, den deutschen Gelehrten zu heiraten.

Zurückgekehrt ins Land der Mutter, meint der Sohn, eine direkte Verbindung zwischen ihrem Verzicht und seinem Interesse für Fourier, den Philosophen des Begehrens, herstellen zu dürfen; die Energien dieses Begehrens zertrümmern schließlich jedes moralische Korsett und erledigen mit diesem auch die Verhältnisse, die auf Verzicht und Opfer beruhen. So wird der Sohn, indem er seinen Interessen lebt, zum Rächer der geopferten Mutter – und Ödipus grüßt lächelnd vom nahen Griechenland herüber.

Nicolaus Sombart: Rumänische Reise ins Land meiner Mutter . Transit Buchverlag, Berlin 2006. 256 S., 18,80 Euro. – Der Schauspieler Friedhelm Ptok liest heute um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus aus dem Erinnerungsbuch.

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