Kultur : Ödipussi

Am 6. Mai feiert alle Welt den 150. Geburtstag von Sigmund Freud. Bis dahin lesen wir täglich vom Pionier der Psychoanalyse

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Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie damals auch heute vielen Menschen zuteil, die ihn empört und verwundert erzählen. Er ist (...) der Schlüssel der Tragödie und das Ergänzungsstück zum Traum vom Tod des Vaters. Die Ödipus-Fabel ist die Reaktion der Fantasie auf diese beiden typischen Träume, und wie die Träume von Erwachsenen mit Ablehnungsgefühlen erlebt werden, so muss die Sage Schreck und Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. (...) Auf demselben Boden wie „König Ödipus“ wurzelt eine andere der großen, tragischen Dichterschöpfungen, der „Hamlet“ Shakespeares. Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der weit auseinander liegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im „Ödipus“ wird die (...) Wunschfantasie des Kindes wie im Traum ans Licht gezogen und realisiert; im „Hamlet“ bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer Existenz – dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich – nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen.

Aus: Die Traumdeutung, 1900. Studienausgabe in 10 Bdn., Bd. II, hg. von Th. v. Uexküll/I. Grubrich-Simitis, S.Fischer 1989

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