Kultur : Ödipuzzle

Verse in Filmen: der Zebra Poetry Film Award

Jörg Plath

Kurzfilmer sind fix. Als Stargast sollte der deutsche Regisseur Christian Petzold („Gespenster“) den 3. Zebra Poetry Film Award übergeben. Doch bis er am Samstagabend im Kino Babylon Berlin Mitte die Bühne erreicht hatte, war schon alles geschehen: Die Juroren hatten dem britischen Schauspieler Nathan Filer den gestreiften Schal um den Hals geschlungen und die Urkunde über 4000 Euro Preisgeld in die Hand gedrückt. So hatte Petzold Zeit, Moderator Knut Elstermann zu beichten, dass er Poetry-Filme für diese Einspieler in Fernsehkultursendungen gehalten habe, in denen Schriftsteller durch Parks wandern.

Eine „Featurette“ nennt das Trio Rong um den schmächtigen Nathan Filer seine Farce „Ödipus“: Ein junger Mann entdeckt beim Onanieren über dem Pornoheft des Vaters seine eigene Mutter als „dirty housewife“. Just als es ihm wider Willen kommt, ertappt ihn sein Vater und erleidet einen tödlichen Herzinfarkt. Gleich zwei Höhepunkte in sechs Minuten mit Kurzeinführung in die Tragödie „König Ödipus“ und die Freud’sche Theorie, dazu Filers zerknirschtes Gesicht – ein Filmkick voller Ironie, Tempo und einem Gedicht, das die Bilder vorantreibt.

Seit 2002 wird der Zebra Poetry Film Award, der weltweit erste, von der Kulturstiftung des Bundes finanzierte Preis für Poesiefilme, alle zwei Jahre verliehen. Dieses Mal gingen 600 Kurzfilme aus 51 Ländern bei der Literaturwerkstatt Berlin ein. 34 liefen im Wettbewerb, weitere 60 in Länderschwerpunkten und Reihen. Das New Yorker Magazin „Rattapallax“ präsentierte „Poetryclips“, der experimentelle Lyriker Gerhard Rühm seine Filme aus den späten fünfziger und sechziger Jahren. Raritäten aus dem DDR-Untergrund zeigten der Schriftsteller und Verleger Gerhard Wolf und Claus Löser vom Archiv „ex.oriente.lux“: Überlebt haben Frank Flanzendörfers Super-8-Aufnahmen von der Mauer, den Breker-Statuen im Wünstorfer Hauptquartier der Roten Armee und dem eigenen Körper nur, weil eine jugoslawische Diplomatin eine Privatvorführung auf Video mitschnitt, samt Kindergeplärr und Handvertonung.

Dagegen glänzen die heutigen Filme mit Perfektion. Die Regisseure beherrschen ihre oft digitalen Produktionsmittel, ob sie nun mit animierten Figuren, mit Zeichnungen oder Schauspielern arbeiten. Auffälligerweise verzichtete kaum einer der ansonsten völlig unterschiedlichen Filme auf einen durchgehenden Soundtrack: Die Musik ist ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger als das Gedicht. „Generation“ des Neuseeländers David Downes, von der Radio-Eins-Publikumsjury ausgezeichnet, elektrisiert im ersten Teil durch eine Montage von Beats und wie am fahrenden Zug vorbeiflitzenden Strommasten, um dann in Wiedergeburtsesoterik zu versacken. Ganz ohne Musik kommt dagegen „One person/Lucy“ aus, für das die Niederländerin Taatske Pieterson den Preis für experimentelle Filmpoesie des Goethe-Instituts erhielt: Das Bild eines Frauenkopfes, der Todesursachen aufzählt, wird im Takt der anschwellenden Opferzahl vervielfältigt.

Die bloße Illustration eines Gedichts ist die Ausnahme. Philipp Hartmann und Florian Hertweck inszenieren sie immerhin kraftvoll: Sie lassen die halbnackten Punker von Hooka Hey immer dann den Hosenlatz lüften, wenn in Friedrich Schillers Poem „Kastraten und Männer“ von Miedern und Pfeifen die Rede ist. Ein größerer Gegensatz zum vierten Preisträger ist kaum denkbar. Den Preis „Poesie, Film und Politik“ der Bundeszentrale für politische Bildung erhielt Antonetto Farettas „Just say no to family values“, ein schmucklos abgefilmter, aber eindrucksvoller Gedichtvortrag des Alt-Beatniks John Giorno. Die Vielfalt des Poetry Films geht auf keine Zebrahaut.

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