Kultur : Öffentlichkeit im Schlußverkauf

KATRIN BETTINA MÜLLER

Was ist wohl künstlicher: 15 Minuten vor der Kamera den Clown spielen und das Ego raushängen lassen oder 15 Minuten lang den Beobachter ignorierend auf dem Sofa Zeitung lesen, als ob da niemand zusähe? Rebecca Bournigault sucht in ihren Videoportraits unspektakuläre Momente des Lebens eins zu eins festzuhalten, als gäbe es keinen Einfluß des Beobachters auf sein Objekt. Sich diesen intimen Situationen auf dem Fernsehmonitor gegenüberzusehen, überrascht mehr als Sexakrobatik durch eine längst gewohnte Schlüsselloch-Perspektive. Im September soll Rebecca Bournigault mit ihren Portraits auf große Projektionsflächen in der Stadt ziehen.

Reality TV. Das Leben ungeschnitten. Was bei Andy Warhol oder Rosa von Praunheim als Kritik an Inszenierungsmustern begann, ist inzwischen selbst TV-Format geworden und zur kommerziellen Masche mutiert. Je mehr Kanäle zur Verfügung stehen, desto heftiger giert die Medienmaschine nach ihrem Gegenteil, der Authentizität des Privaten. An diesem Punkt setzt Bournigault den Hebel an, um Erwartungen zu unterlaufen.

Matthieu Laurette dagegen steigt mit dem Einsatz seiner Identität ins Spiel, um es von innen auszuhöhlen. "Apparitions" (zu deutsch: Erscheinungen) nennt er die Zusammenschnitte seiner Auftritte in Talkshows, Quizzsendungen und Werbebroschüren. Er ist der Mann, der als Testperson vorführt, wie man von Sonderangeboten billig lebt und 2000 Francs im Monat spart. Laurette verändert das Berufsbild des Künstlers erheblich, scheint sein Hauptarbeitsplatz doch der Supermarkt, die Praxis hausfrauennah und das Ergebnis definitiv sendefähig. Die leise Portraitistin und der Liebhaber der Werbeangebote gehören zu sieben Künstlern aus Frankreich, die von Nathalie Boutin aus Paris und Marie-Blanche Carlier, Mitarbeiterin der Galerie von Ulrich Gebauer, für ein Projekt Kunst im öffentlichen Raum angesprochen wurden, das jetzt in Berlin begann und nächstes Jahr in New York fortgesetzt werden soll.

In der Galerie Gebauer stellen die beiden Kuratorinnen die Teilnehmer vor. Die erste Installation hielt nur vier Tage stand, dann rückte die BSR an. Serge Comte, ein Poet der kleinen Geste, hatte an den Vitrinen des Institut Francais ein Mosaik aus farbigen Post-it-Klebezettelchen angebracht. Die von weitem abstrakte Komposition löste sich von nahem in flatterhafte Pixel auf. In der Galerie läßt er einen kleinen Geysir funkelnder Sterne wenige Zentimeter über der Fußbodenleiste sprudeln, den nur entdeckt, wer verlegen auf seine Schuhspitzen starrt.

Solche Fragilität ist Philippe Mestes Sache nicht. Schon im Flur der Galerie stolpert man über sein Waffenarsenal und Pornoattrappen. Er reagiert mit Zynismus auf die wirklichkeitsprägende Macht der Medien und nutzt die Kraft des Gerüchtes und der Spekulation. Sein Video "Militärposten" entstand auf dem Flohmarkt von Marseille und beschreibt, welche Gewaltphantasien Bilder bewaffneter Männer freisetzen. In Berlin will er am 17. Juli einen "Kampfwagen" losschicken.

Daß auch die Demokratie nicht ohne Fetische auskommt, ist Thema der Arbeit von Alain Declerq. Er hat in einem Zimmer der Galerie sechs Mikrophone auf einem Tisch plaziert und sechs Boxen dahinter aufgestellt, als gelte es, die ganze Torstraße zu beschallen. Die Anordnung von "Feed Back" scheint vertraut von Podiumsdiskussionen und Pressekonferenzen. Doch was man unangenehm dröhnen und wummern hört, ist nur ein technischer Effekt der Anlage, welche die Repräsentanten an den Mikrophonen akustisch und damit auch hierarchisch von ihrem Publikum abschneidet.

Fast unter im Gefechtslärm von "Soft resistance" gehen die Arbeiten von Joel Bartoloméo und Bojan Sarcevic, die sich mit Beobachtungen am Rand beschäftigen - dort, wo die Grenzen zwischen Sinn und Bedeutungslosigkeit unscharf werden. In Bartholoméos Videoinstallation mit dem Titel "Kiss me my darling (la fille a la robe rouge)" etwa sind es die schüchternen Blicke jung vermählter Ehepaare, die sich treffen, wieder trennen, nur um sich kurze Zeit darauf erneut einander zu versichern. Es ist ein Tanz der Augenbewegungen, ein stummer, leiser Reigen, der sich wohltuend abhebt vom lauten Rest. Denn teilweise nervt die Ausstellung genau mit jenen Effekten, die sie kritisiert. Aber sie berührt auch den Kern der Diskussion um den Ausverkauf des öffentlichen Raums und seiner Aufweichung in den Massenmedien.

Galerie Gebauer, Torstr. 220, bis 19. Juni; Montag bis Freitag 10 - 18 Uhr, Donnerstag 10 - 20 Uhr, Sonnabend 10 - 14 Uhr.

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