Kultur : Öffnet die Oper! - Der Chefdirigent der Deutschen Oper über seine Pläne

Herr Luisi[als Udo Zimmermann vor einigen Wochen]

Was auf ihn zukommt, weiß er genau, vieles will er ändern. Fabio Luisi, 40, ab September 2001 neuer Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, steckt schon mitten in den Planungen für sein neues Haus. Derzeit ist er noch Chefdirigent des Leipziger MDR-Orchesters sowie des traditionsreichen Orchestre de la Suisse Romande.

Herr Luisi, als Udo Zimmermann vor einigen Wochen ihre Ernennung zum künftigen Chefdirigenten der Deutschen Oper verkündete, fühlte sich das Orchester übergangen und demonstrierte in einer Presseerklärung seine Loyalität zu ihrem Vorgänger Christian Thielemann. Haben sich die Fronten inzwischen geklärt?

Dieser Protest richtete sich nie gegen mich, sondern nur dagegen, dass Zimmermann den Vertragsabschluss mit mir einfach dem Orchester bekannt gegeben hat, statt die Musiker abstimmen zu lassen. Gegen mich persönlich hatte das Orchester nie etwas einzuwenden. Das haben mir die Musiker schon während der Verhandlungen signalisiert. Deswegen habe ich das Angebot auch akzeptiert.

Ihr Vorgänger Christian Thielemann steht vor allem für Kompetenz in Sachen Wagner und Strauss. Wofür stehen Sie?

Thielemann ist ein hervorragender Dirigent. Ich halte es aber nicht für gut, wenn ein Chef sich auf einen Teil des Repertoires begrenzt. Ein GMD sollte ein Allrounder sein, der sicherstellt, dass in einem Haus alle Stilrichtungen auf hohem Niveau geboten werden.

Das heißt aber auch, dass der Chef dafür sorgt, dass das Repertoire in Schuss bleibt.

Natürlich. Ich werde ja auch schon in der ersten Spielzeit, die schon vor meiner Berufung geplant war, neben meinen drei Premieren auch etliches an Repertoire und Neueinstudierungen dirigieren. darunter so unterschiedliche Stücke wie "Nabucco", "Elektra" und "Carmen".

Der Spitzenqualität im Alltag stand bislang auch ein teilweise überaltertes Sängerensemble entgegen ...

Deshalb haben wir gerade in diesen Tagen von morgens bis abends Vorsingen - sowohl für Gastverträge wie für feste Stellen. Ich möchte gerne zu den Ursprüngen des Ensembletheaters zurückkehren und die Arbeit im Ensemble attraktiver machen. Warum müssen beispielsweise die Hauptrollen unbedingt mit durchreisenden Stars besetzt werden? Genauso wichtig ist es, die Sänger zu fördern, die man am Haus hat und bei denen das Publikum denkt: Das ist einer von uns.

Christian Thielmann hat seinen Vertrag vor allem deshalb vorzeitig beendet, weil ihm das Letztentscheidungsrecht über künstlerische Fragen verweigert wurde. Ist das für Sie kein Problem?

Meiner Ansicht nach wurde diese Frage völlig überbewertet. In meinem Vertrag steht, dass der Intendant und ich gemeinsam über künstlerische Fragen entscheiden. Und das ist doch völlig in Ordnung: Weder Zimmermann noch ich wollen schlechte Leute an die Deutsche Oper bringen - das würde nur auf uns selbst zurückfallen. Wir sind uns im Übrigen einig, dass wir möglichst bald einige jüngere Dirigenten ausprobieren wollen, um zusammen mit dem Orchester zu sehen, mit wem wir längerfristig zusammenarbeiten wollen.

Unter Thielemann hat das Orchester erheblich an Prestige gewonnen - nicht nur als Opern- sondern auch als eigenständiges Sinfonieorchester, das sogar eigene Tourneen unternommen hat. Wollen sie diese Profilierungsschiene fortsetzen oder heißt es jetzt: Zurück in den Graben?

Ich möchte die Reisetätigkeit sogar noch potenzieren und bin darüber auch schon mit einigen Agenturen im Gespräch. Das ist insofern schwierig, als diese Tourneen mit dem Opernspielplan abgestimmt werden müssen. Unter meiner Verantwortung werden sich allerdings die Konzertprogramme wesentlich ändern. Es macht doch keinen Sinn, Brahms und Bruckner zu spielen wie alle anderen Orchester. Wir müssen eigenes Profil entwickeln und die Programme stärker mit dem Opernspielplan verzahnen. Das heißt: mehr 20. Jahrhundert und mehr seltenes Repertoire. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir für unsere Konzerte in die Deutsche Oper zurückkehren. Schließlich ist unser primäres Publikum dort und nicht im Konzerthaus. Es kommt für mich ohnehin darauf an, die Oper als Ort stärker zu öffnen. In diese Richtung gehen auch meine Planungen für Kinder- und Familienkonzerte. Das sind die Operngänger der Zukunft.

Im Bereich der Sinfoniekonzerte ist diese Profilierung noch relativ leicht möglich. Bei den Opernspielplänen scheint die Abgrenzung gegenüber den beiden anderen Berliner Häusern schwieriger .

Das ist ein echtes Problem. Bislang können wir einige Stücke allein deshalb nicht machen, weil ein anderes Opernhaus sagt: Das planen wir für 2006. Und das, obwohl der betreffende Intendant für diesen Zeitraum kein Mandat hat. Eine übergeordnete Instanz müsste dann dafür sorgen, dass die einzelnen Häuser ihr Profil behalten. Sonst verlieren sie ihre Daseinsberechtigung. Das Gespräch führte Jörg Königsdorf.

Fabio Luisi tritt heute mit dem MDR-Orchester im Konzerthaus auf.

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