Kultur : Öffnung in Nordkorea

Uwe Schmelter, Leiter des Goethe-Instituts Seoul, über den Sprung nach Pjöngjang

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Herr Schmelter, am 3. Juni eröffnet das GoetheInstitut die „Vermittlungsstelle für Deutsche Wissenschaftliche und Technische Literatur im Goethe-Informationszentrum“ in Pjöngjang. Es ist die erste ausländische Kultureinrichtung, die in Nordkorea aktiv wird. Wie ist es dazu gekommen?

Das Interesse an Deutschland ist in Korea traditionell sehr groß, im Süden wie im Norden. Schon als ich 1999 als Goethe-Instituts-Leiter in Seoul anfing, hatte ich den Wunsch, Kontakt zu Nordkorea aufzunehmen. Das hat es in den fast 40 Jahren davor nicht gegeben, erstaunlicherweise eigentlich. Man hätte ja denken sollen, dass gerade Deutschland mit seiner Geschichte und seinen Erfahrungen eines geteilten Landes daran besonderes Interesse gehabt hätte. Aber seit 1989 ist Nordkorea in die völlige Isolation geraten. Die Berührungsängste sind also ausgesprochen groß.

Wie ist der erste Kontakt zustande gekommen? Und was erhofft sich Nordkorea von der neuen Zusammenarbeit?

Es hat ein Jahr gedauert, bis die erste Einladung aus Nordkorea kam, um die Möglichkeiten einer kulturellen Zusammenarbeit abzutasten. Dann gab es im Januar 2001 ein dreitägiges Treffen auf Arbeitsebene, an dem am Ende auch der Vize-Kulturminister teilnahm. Das war ein Signal, dass zumindest ein Interesse an Zusammenarbeit vorhanden war, auch wenn man noch keine genaue Vorstellung hatte, wie sie aussehen sollte. Nur eins war schnell klar: Was Nordkorea am meisten fürchtet und was das Land gleichzeitig am meisten braucht, sind Informationen. Informationen aller Art. Wir haben erst einmal mit Musikprojekten angefangen. Man merkt sehr schnell, wie hilfreich musikalisches Zusammenspiel sein kann – einfach, weil es zum Kontakt zwischen Künstlern führt. Und das ist unser erklärtes Ziel: dafür zu sorgen, dass sich die Menschen begegnen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis das von nordkoreanischer Seite akzeptiert war: Man hatte sich eher offizielle Vorträge ohne große Diskussionen gewünscht.

Gab es in Südkorea Widerstände gegen Ihre Kontakte nach Nordkorea? Und: Ist Ihre Arbeit auch als Versuch einer Versöhnung der beiden Landesteile zu verstehen?

Widerstände gab es keine, im Gegenteil. Von den maßgeblichen Stellen gab es von Anfang an Beifall. Man war überrascht, das ja – was ja verständlich ist, wenn man bedenkt, dass es seit über 50 Jahren praktisch keine innerkoreanische Politik oder Verständigung gibt. Es gibt natürlich in Südkorea Kritiker unserer Arbeit, aber wenige. Und der tiefere Sinn unserer Arbeit ist natürlich, die beiden Länder wieder in Kontakt zu bringen.

Wenn Informationen von außerhalb in Nordkorea mit Misstrauen betrachtet werden: Wie kam es zu der Idee eines Lesesaals? Und wie funktioniert das konkret?

Das Goethe-Lesesaal-Programm ist aus einer Notsituation entstanden: 1989, nach der Wende, war plötzlich das Interesse besonders bei den Nachfolgestaaten der Sowjetunion an Goethe-Instituten sehr groß. Auch dort gibt es ja traditionell eine große Affinität zur deutschen Kultur. Wir hätten eigentlich gleich 20 bis 30 neue Goethe-Institute aufmachen können. Das war natürlich finanziell und personell nicht zu schaffen. Daher entstand die Idee, angelehnt an eine örtliche Kulturinstitution, zumeist eine Bibliothek, zumindest einen Lesesaal zu eröffnen. Wir statten diese Räume komplett aus, das Personal jedoch muss das Land selbst stellen. Wir haben jetzt einen sehr guten, vertrauenswürdigen Bibliothekar in Nordkorea gefunden, den wir demnächst in Deutschland schulen werden.

Gab es Vorgaben von Seiten Nordkoreas, was für Literatur im Lesesaal präsentiert werden darf?

Von Anfang an stand für uns fest: Es gibt keine Zensur. Jeder Bürger des Landes muss freien und ungehinderten Zugang zum Lesesaal haben. Und es werden dort alle Medien, inklusive aktueller Tageszeitungen, zur Verfügung stehen. Das ist für Nordkorea ein enormer Schritt. Wir mussten unseren Verhandlungspartnern auch klar machen: Wenn sie das vertraglich zusagen und später nicht einhalten, wird der Lesesaal wieder geschlossen. Wir werden die Einhaltung des Vertrags auch kontrollieren. Im Gegenzug haben wir, auf Wunsch der Koreaner, einen Schwerpunkt auf wissenschaftliche und technische Forschungsliteratur gelegt. Das lässt sich politisch dort einfach leichter rechtfertigen.

Welche Bedeutung hat dieser erste Schritt nach außen für das nordkoreanische Selbstverständnis?

Ich erzähle Ihnen eins: Nach der Vertragsunterzeichnung für den Lesesaal gab es ein festliches Abendessen, und dann stand die Präsidentin der Koreanisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft auf und sagte in einer Tischrede – in Korea werden alle wichtigen Aussagen in Tischreden gemacht: „Wir erhoffen uns, dass man unsere Unterschrift unter diesen Vertrag als klares Signal dafür versteht, dass wir uns wirklich öffnen wollen. Und wir wünschen uns, dass andere europäische Länder diesem Beispiel folgen.“ Denn eins ist klar: Dieses Lesesaal-Projekt ist eine Messlatte, wie ernst es Nordkorea mit der Öffnung ist. Wenn das nicht funktioniert, hat es Auswirkungen auch auf andere Bereiche.

Die Fragen stellte Christina Tilmann.

Uwe Schmelter ,

geboren 1945 in Greifswald, ist seit 1999 Leiter des

Goethe-Instituts in

Seoul. Am 3. Juni

eröffnet Jutta Limbach einen Lesesaal

in Pjöngjang.

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