Öko-Mode : Die Dogma-Schneiderinnen

Hotpants aus Ökoleder, Abendkleider aus Bio-Baumwolle: Zehn deutsche und dänische Designerinnen, darunter eine Künstlerin aus Berlin, haben in Kopenhagen bewiesen, dass "grüne" Mode viele Farben hat.

Carolin Ströbele
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Mode von der Berliner Designerin Magdalena Schaffrin. -Foto: Promo

BerlinEs ist einige Jahre her, da überraschten ein paar junge dänische Filmemacher die Welt mit ihren "Dogma"-Regeln: Gedreht werden durfte nur mit Handkamera, strengstens verboten waren künstliches Licht, nachträglich eingespielte Filmmusik und Spezialeffekte. Ihr Ziel: einen puren Stil, frei von künstlichen Elementen.

Ein vergleichbares Regelwerk haben sich nun zehn dänische und deutsche Modelabels auferlegt. Ziel der Initiative "Bright Green Fashion" ist Modedesign, das frei ist von Schadstoffen, Chemikalien und menschenverachtenden Produktionsbedingungen. Vor drei Monaten haben sich die jungen Designerinnen und Designer aus Berlin und Kopenhagen die Regeln aufgestellt, nach denen sie eine Modenschau konzipiert haben.

"Wir waren ziemlich hart", sagt die Berliner Designerin Magdalena Schaffrin, "und haben lange diskutiert, was geht und was nicht geht." Das Ergebnis: Es müssen ausschließlich natürliche Materialien verwendet werden. Kunstfasern wie Polyester sind nur in recycelter Form erlaubt, Färbungen nur ohne Chlorbleichung und Leder nur, wenn es nicht mit Chrom gegerbt wurde. Außerdem sollten 98 Prozent aller Stoffe aus lokaler Produktion stammen. Das klingt für den Außenstehenden nicht so kompliziert, den Designerinnen trieben die Vorgaben allerdings den Schweiß auf die Stirn. "Es fängt schon mit den Knöpfen an", sagt Schaffrin, "die dürfen zum Beispiel nicht aus Plastik sein."

Was für die anderen Beteiligten eine Ausnahmesituation darstellt, ist für Schaffrin nichts Neues. Sie arbeitet seit der Gründung ihres eigenen Labels vor zwei Jahren nach ökologischen Standards, die die "Dogma"-Regeln sogar noch übertreffen. Mit ihrer schlichten und zeitlos eleganten Kollektion hat sie es geschafft, sich den Respekt von Umweltexperten als auch dem Berliner Modemarkt zu verschaffen.

Nachhaltigkeit bedeutet für Schaffrin nicht nur, dass ihre Materialien 100-prozentig den ökologischen Richtlinien entsprechen und fair gehandelt sind. Statt wie die meisten anderen Designer jedes Jahr zwei Kollektionen auf den Markt zu bringen, baut die 30-Jährige ihre bestehende Kollektion immer weiter aus und achtet darauf, dass die Einzelteile miteinander kombiniert werden können.

Billig ist das nicht gerade, allerdings auch nicht teurer als bei vergleichbaren, nicht ökologisch produzierenden Designern: 370 Euro kostet ein nachtblaues Hängerkleid, 170 Euro ein weißes Hemd. Fragt man Schaffrin, ob ihr am Anfang ihrer Karriere nicht ein wenig bange gewesen sei, ob sich diese Art der Produktion auch rechne, schaut sie einen überrascht an. "Nein, eigentlich haben mir alle gesagt, dass es eine gute Idee ist."

"Junge Designer heute haben die große Chance, auf die neue Welle der Ökomode aufzuspringen", sagt Rolf Heimann, Ökologieexperte von Deutschlands größtem "grünen" Label Hess Natur. "Sie dürfen nur nicht den Fehler der ersten Generation machen und die Ökologie über die Mode stellen."

Diese Gefahr sieht man nicht auf dem Laufsteg im Kopenhagener Rathaus, wo die "Bright Green Fashion"-Show am Rande der Copenhagen Design Week stattfindet. Einigen Entwürfen der zehn jungen Designer haftet zwar noch etwas Sprunghaftes, Unentschlossenes an. Aber viele beweisen Witz und Innovation. Das dänische Duo Vilsbol de Arce etwa führt fantastische Hotpants aus "Öko"-Leder vor, mit gewagten Schlitzen am Oberschenkel sowie aufwendig geraffte Kleider mit raffiniertem Faltenwurf. Die Berliner Designerin Tarané Hoock sticht ebenfalls heraus mit ihren bezaubernden Kleidern, die aussehen wie durchsichtige Blütenkelche.

Und dann gibt es noch Barbara í Gongini. Die Designerin mit den langen roten Haaren ist so etwas wie die Vivienne Westwood Dänemarks. Sie entwirft expressive, unheimliche Stoffexplosionen, mixt wild Materialien wie Tüll, Baumwolle, Plastik und Leder mit artfremden Materialien wie Schuhspannern und Kabeln.

Auch Gongini nimmt das Thema Green Fashion äußerst ernst, was sie aber nicht davon abhält, es auf dem Laufsteg ironisch zu brechen: die Schuhe ihrer Models hat sie mit einer ultradünnen, schwarzen Folie umwickelt, die aussieht wie eine zerrissene Mülltüte, eine große Kunststoff-Tasche baumelt wie ein großer Abfall-Sack am Arm. Als Highlight schickt Gongini eine "schwarze Braut" über den Laufsteg, eingehüllt in eine Wolke aus verschlungenen Schals und Tüll.

"Beim Design mache ich keine Kompromisse", sagt Gongini. "Wenn ein paar Materialien nicht ganz den Standards entsprechen – was soll’s!" Immerhin, drei Viertel ihrer in Kopenhagen gezeigten Kollektion entsprechen den Vorgaben der Gruppe. Gongini verwendet keine ökologisch produzierten Stoffe, sondern hat den Großteil ihrer Materialien aus Beständen des Roten Kreuzes bezogen und dann umgearbeitet. Die Idee der Transformation und der Dekonstruktion faszinieren sie: "Wie viele Leben hat ein Kleidungsstück, das beschäftigt mich", sagt die Designerin.

Auch Magdalena Schaffrin hat darüber schon nachgedacht. Am liebsten würde sie den Kreislauf der Kleidung wieder in ihrem eigenen Laden schließen. "Ich würde meinen Kunden gerne anbieten, dass sie ihre Röcke und Hosen wieder bei mir zurückbringen können, wenn sie sie nicht mehr mögen."

Quelle: ZEIT ONLINE

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