Kultur : "Ökonomie für den Menschen": Das Ende des Hungers

Bruno Preisendörfer

Als im Frühjahr Bill Gates die Debis-Basilika betrat, um eine Rede zu halten, schnellte das statistische Pro-Kopf-Vermögen der dort Versammelten in die Höhe, um nach Beendigung der Ansprache und dem Abmarsch des Software-Milliardärs wieder auf sein vorheriges Niveau abzusinken. Das Beispiel veranschaulicht , wie wenig aussagekräftig rein quantitative Einkommensmessungen für die tatsächlichen Wohlstandsverhältnisse einer Gesellschaft sind.

Ein anderes Beispiel: Nehmen wir an, Hans Eichel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle streiten sich um die Verteilung einer Weißwurst. Bisher hat jeder ein gleich großes Stück, bis Hans und Edmund beschließen, Guidos Portion an sich zu reißen und unter sich aufzuteilen. Das unbestreitbare Ergebnis dieser "Transaktion" wäre, dass der Wohlstand der Mehrheit um 50 Prozent gestiegen wäre. An diesem ebenfalls recht einfachen Beispiel lässt sich erkennen, dass die Quantifizierung des Anstiegs des Wohlstands für die Mehrheit eines Landes keine Auskunft darüber gibt, wie dieser Anstieg zustande gekommen ist und ob es sich dabei um eine wünschenswerte Entwicklung gehandelt hat.

Das zweite Beispiel benutzt Amartya Sen, natürlich mit dem guten alten Verteilkuchen anstelle der Wurst und ohne die hier hineingeschmuggelten deutschen Aushilfsspieler, in seinem Buch "Ökonomie für den Menschen", um deutlich zu machen, dass die sogenannte Mehrheitsregel, die in der Bewertung des ökonomischen Fortschritts einer Volkswirtschaft international nach wie vor eine bedeutende Rolle spielt, keine aussagekräftigen Ergebnisse hervorbringt. Die von ihr berücksichtigte Informationsbasis ist, um es in den Worten Sens zu sagen, "extrem beschränkt, weshalb sie ohne Zweifel für unterrichtete Urteile über Probleme der Wohlfahrtsökonomie völlig unzureichend ist." Dies gilt Sen zufolge für alle gängigen Versuche, den Grad der wirtschaftlichen Entwicklung oder die Höhe des Lebensstandards mit der Größe des Bruttosozialprodukts oder des Pro-Kopf-Einkommens gleichzusetzen.

In "Ökonomie für den Menschen" empfiehlt Sen stattdessen, Entwicklung als die Erweiterung realer menschlicher Freiheiten aufzufassen. Was den Lebensstandard angeht, bemerkt er in einem Vorlesungsbändchen, das im Frühjahr erstmals auf Deutsch erschienen ist, dass es "eine Frage der tatsächlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten ist und sich nicht direkt an Wohlstand, Gütern oder Nutzen festmachen lässt."

Gegen diesen qualifizierenden Ansatz ließe sich einwenden, hier werde mit ethischen Konzepten operiert, die zwar moralisch wertvoll, aber praktisch nutzlos seien. Diesen natürlich naheliegenden Einwand zu widerlegen, ist ein Hauptanliegen von Sens "Ökonomie für den Menschen". Mit einer Reihe von Beispielen wird nicht nur die moralische Richtigkeit, sondern auch die theoretische Stimmigkeit und vor allem die praktische Effektivität des Entwicklungskriteriums Freiheit erläutert. Das dramatischste Beispiel ist dabei der Hunger. Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreisträger von 1998, hat als kleiner Junge im Jahr 1943 die Hungersnot in Bengalen erlebt, wenn auch ohne unter ihr leiden zu müssen. Diese Hungersnot war keineswegs auf einen allgemeinen Mangel an Nahrungsmitteln zurückzuführen. Während auf dem Land drei Millionen Menschen zugrunde gingen, wurden aus den betroffenen Gebieten sogar Nahrungsmittel in die Städte ausgeführt. Die Menschen starben nicht deshalb, weil es nichts zu essen gab, sondern weil es unter der britischen Verwaltung für sie nichts zu essen gab. Sie konnten die vorhandenen Lebensmittel einfach nicht mehr kaufen und hatten so ein wesentliches Freiheitsrecht verloren, nämlich das Recht auf Zugang zu Nahrung. Gewöhnlich wird auf Hungerkrisen mit Nahrungsmittelhilfen, also kurzfristig karitativ reagiert. Sen schlägt stattdessen Arbeitsbeschaffungsprogramme vor, wie sie nach der Unabhängigkeit Indiens erprobt worden sind. Solche Programme versorgen die betroffenen Menschen mit einem minimalen Einkommen, das ihnen den Kauf von Nahrungsmitteln auch dann ermöglicht, wenn die Preise wegen Missernten oder Überschwemmungen steigen.

Interessanterweise hat es in Indien seit der Unabhängigkeit keine schwere Hungersnot mehr gegeben, auch wenn das Problem endemischer Unterernährung keineswegs gelöst ist. Sen weist darauf hin, dass nicht nur Indien im Verhindern von Hungerkatastrophen erfolgreich war und ist, sondern dass dies für alle demokratisch regierten Staaten gilt. Es gab im 20. Jahrhundert keine einzige Hungersnot in einer Demokratie. Das Recht auf Partizipation und die Freiheit, eine Regierung abzuwählen, haben noch immer dafür gesorgt, dass die politische Elite in Krisen interveniert, anstatt sie zu ignorieren oder gar abzuleugnen, wie es unter kolonialer Verwaltung, in Potentaten-Regimes oder in kommunistischen Parteidiktaturen geschehen ist. Es ist also keine moralisierende Ermahnung, sondern eine historische Tatsache, dass der sicherste Schutz vor Hungersnöten die demokratischen Freiheiten sind. Was die ökonomische Freiheit des Tauschs angeht, ist darauf hinzuweisen, dass der Markt in extremen Krisensituationen zu sozialer Ineffizienz neigt und durch staatlich administrative Maßnahmen und selbstorganisiertes Handeln der Betroffenen ergänzt werden muss.

Sen gehört aber nicht zu den Kritikern der Marktwirtschaft im besonderen oder "der Globalisierung" im allgemeinen. Das Recht zu tauschen ist ein wesentliches Freiheitsrecht, und zwar eines, das nicht nur wegen seiner oft bewährten instrumentellen Effektivität, sondern auch als Wert an sich verteidigt werden muss. Dennoch muss unterschieden werden, was der Markt für wen wann leisten kann, in welcher Hinsicht er ausgezeichnet, annehmbar oder überhaupt nicht funktioniert. Gemessen an dieser kritischen, eben zur Unterscheidung fähigen Analyse wirkt jener vulgärliberale Mainstream, der sich ganz zu Unrecht auf den großen Adam Smith beruft, merkwürdig erfahrungsresistent und doktrinär.

Man muss Amartya Sen nicht in allen Punkten folgen, ganz abgesehen davon, dass die Kulturkapitel am Schluss seiner "Ökonomie" eher blass geraten sind und der Argumentationsgang insgesamt unter Redundanzen leidet. Dennoch schärft sein Buch das Bewusstsein für die vielen blinden Stellen einer bloß quantifizierend denkenden Ökonomie, die oft hinter den eigenen Effektivitätsbehauptungen zurückbleibt. Es hilft, die Oberflächen der Wirtschaftsrhetoriken zu durchbrechen und sich mit dem zu beschäftigen, was ökonomisches Handeln jenseits des politisch-ideologischen Streits für Menschen und ihre Freiheit bedeutet.

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