Ökonomisierung : Wie viel ein Mensch kostet

Wert und Preis: Der Buchautor Jörn Klare über die zunehmende Ökonomisierung des Lebens.

Arbeiter als Ware. Zuckerrohrschneider im Nordosten Brasiliens, deren Lebensbedingungen denen von Sklaven gleichen.
Arbeiter als Ware. Zuckerrohrschneider im Nordosten Brasiliens, deren Lebensbedingungen denen von Sklaven gleichen.Foto: mauritius images

Herr Klare, Ihr Buch „Was bin ich wert?" liest sich wie der handfeste Beweis für die Beobachtung der Soziologen, dass die marktökonomischen Mechanismen sich auf alle Bereiche des Sozialen ausdehnen. War dieser Verdacht auch für Sie der Anfang Ihrer Recherche?

Es war etwas mehr als ein Verdacht. Ich hatte die Rede vom „Wert eines statistischen Lebens", kurz WSL, gehört und ahnte, dass es dabei um Kosten-Nutzen-Rechnungen geht. Ich wollte es genauer wissen: Wie werden Menschenleben berechnet? Wozu werden die Berechnungen genutzt? Und konkret: Was könnte ich, Jörn Klare, wert sein?

Bei Ihren Interviewpartnern fällt auf, dass sie Ihre Fragestellung in der Regel spontan abwehren, egal ob Versicherungsagent oder Personalmanager.

Ich nenne es einen „ethischen Reflex“, dass man sagt: Das darf man nicht, den Menschenwert knallhart in Geld berechnen. Den spüren auch die Leute, die genau das tun.

War diese Abwehrhaltung für Sie moralisch beruhigend?

In den Gesprächen war sie für mich eher eine Hürde. Ich wusste, jetzt kommt wieder dieser Reflex. Aber ich wollte ja an die Methoden und Zahlen. Welche Bedeutung hat denn dieser Reflex? Wenn er einen nicht daran hindert, zum Taschenrechner zu greifen und eine Eurozahl für ein Menschenleben zu errechnen?

Man könnte sich dem Politiker Hermann Scheer anschließen, mit dem Sie auch gesprochen haben. Er sagt: „Ich wende mich nicht gegen rationale Berechnungen. Aber sie müssen die richtigen Prämissen haben.“

Um es grundsätzlich zu sagen, ist ein historischer Rückblick sinnvoll. Zunächst wurden Menschenwertberechnungen immer positiv begründet, zum Vorteil der Menschen. Medizinhistoriker sind jedoch zu dem Schluss gekommen, dass daraus eigentlich immer Unglück entstanden ist. In Deutschland fing man im 19. Jahrhundert damit an, um argumentieren zu können: Menschen haben einen bestimmten, auch monetären Wert. Es lohnt sich ökonomisch, den zu erhalten – also investiert! Baut Krankenhäuser und Klärwerke. Man brauchte Industriearbeiter und Soldaten. Aber es gibt Menschen, die haben nach dieser Auffassung null Wert. Oder einen negativen Wert, so wurden Behinderte betrachtet. Die sorgen für Kosten und sind für die Volkswirtschaft ein Verlustgeschäft. So entwickelte sich aus der Sozialhygiene die Rassenhygiene. Mit den bekannten Folgen.

Wenn Sie die Rechnung der SS-Führung für die industrielle Verwertung eines KZ-Opfers „abzüglich Verbrennungskosten“ zitieren, ist das ein Punkt, an dem sich jede Diskussion erübrigt. Heute sind moralische Fragen viel weniger eindeutig zu beantworten. Beispiel: „Humankapital“. Der Begriff wurde zum Unwort des Jahres 2004.

Ich lehne den Begriff ab. Aber es fällt mir schwer, die Sache absolut zu verdammen. Die Ökonomen, die das „Humankapital“ einer Firma berechnen, argumentieren auch mit guten Absichten: Damit das Unternehmen, bevor es seine Belegschaft entlässt, genauer hinguckt und die Leistung der Leute zu schätzen weiß.

Das ist das Problem der Ambivalenz, es fehlt der eindeutige Standpunkt.

Den gibt es aber. Sobald diese Menschenwertberechnungen vom Staat angestellt werden, sind sie verwerflich. Der Staat hat uns nicht wie ein Unternehmen nach Kosten-Nutzen zu beurteilen, um zu prüfen, ob es sich noch lohnt, in den einen oder anderen zu investieren. Der Staat hat seine Bürger als Rechtssubjekte zu schützen; ob sie nun Rentner sind oder junge, gut ausgebildete Wissenschaftler.

Für den Staat sollte der Kompass der Gleichheit gelten?

Genau, da müssen alle gleich sein. Bleiben wir beim klassischen Beispiel einer Kosten-Nutzen-Rechnung, um zu entscheiden, ob sich eine Ampel an einer bestimmten Kreuzung lohnt. Die Bundesanstalt für Straßenwesen gehört zu den Behörden, die mit monetären Menschenwerten arbeiten. Und die Kalkulationen, um festzustellen, dass der Volkswirtschaft durch jeden Verkehrstoten ein Wert von 1,2 Millionen Euro verloren geht, sind sehr fragwürdig. Alter und Leistungsmöglichkeit spielen dabei eine große Rolle. Man rettet sich damit, dass zuguterletzt der Durchschnittswert gilt. Sonst könnte man zu dem Schluss kommen, dass es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, Ampeln nicht an sozialen Brennpunkten, sondern nur vor Universitäten und in Bankenvierteln zu bauen.

Man könnte sagen: Wie gut, dass der Mensch hinter der Zahl verschwindet.

Ein Menschenleben ist für Ökonomen als solches nichts wert. Es muss einen berechenbaren Geldwert haben. Erst dann fängt mit den Kosten-Nutzen-Rechnungen möglicherweise auch die Verantwortung an. Aber sobald gerechnet und die Rechnung genutzt wird, gibt es Gewinner und Verlierer. Damit ist die Frage der Solidarität auf dem Tisch.

Könnte es sein, dass Zahlen Halt und Sicherheit vermitteln? Und dass sie uns dadurch von den Diskussionen, die eigentlich zu führen sind, entlasten?

Deswegen halte ich sie für gefährlich. Diese Berechnungen sind verführerisch. Sie erscheinen objektiv und rational. Es geht jedoch um die Prämissen. Unter welchen Vorgaben wird gerechnet? Die Ökonomie hat eine Grenze. Sie ist keine Wissenschaft wie die Mathematik. Ihre Modelle sind nicht die Wirklichkeit.

Sie zitieren einen Wirtschaftswissenschaftler: „Ökonomie ist angewandte Ethik."

Fürchterlich! Es gibt Ökonomen, die sich anmaßen, mit dem Taschenrechner in der Hand das Geschäft der Ethik gleich mit zu übernehmen. Nach dem Motto: Es ist richtig gerechnet. Einen ihrer Vertreter habe ich mit dem Bericht des Weltklimarates konfrontiert, in dem sich die wahnsinnige Behauptung findet, das Leben des Bewohners eines Industriestaates habe den 15-fachen Wert des Lebens eines Bangladeschis. „Klar ist das zynisch“, sagte er dazu. „Aber es ist richtig gerechnet, also stimmt es.“ Bizarre Unterschiede finden sich auch bei den Berechnungen des Werts für einen gefallenen Soldaten. Während man für einen Amerikaner 6,5 Millionen veranschlagt, „kostet“ ein Bulgare, Ukrainer oder Salvadorianer noch nicht einmal halb so viel. Das war für mich bei der Recherche der Punkt, an dem mir klar wurde, wie wichtig ein Bewusstsein ist – nicht für Zahlen, sondern für Zusammenhänge und Hintergründe.

Trotzdem ist der Sog der Zahlen offenbar so stark, dass es bei einem folgenlosen Unbehagen bleibt, weil man sich nicht mehr traut zu sagen: die ökonomische Menschenwertberechnung ist tabu!

Man muss es sich trauen. Umso mehr, je deutlicher die Tendenz wird, dieses Tabu aufzuweichen. Philipp Mißfelders Plädoyer, Menschen über 85 keine künstliche Hüfte mehr zu finanzieren, war nur der Auftakt. Es wird immer mehr darauf ankommen, den Sieg der Ökonomie zu verhindern – mit der Verteidigung von Werten, die nicht berechenbar sind.

Das Gespräch führte Angelika Brauer. Jörn Klares Buch „Was bin ich wert? – Eine Preisermittlung“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen (168 S., 14,90 €).

10 Kommentare

Neuester Kommentar