Kultur : Örtlich betäubt

Eine Beichte, ein Schock: Günter Grass, das Gewissen der Nation, war Rekrut bei der Waffen-SS. In seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ schreibt er erstmals darüber

Gregor Dotzauer

Von

Was für ein Geständnis. Wer es hört, ungläubig bis fassungslos, mag es selbst dann noch für einen schlechten Witz halten, nachdem er sich schwarz auf weiß, im Doppel von literarischer Erinnerung und Interview, davon überzeugt hat. Günter Grass, Deutschlands berühmtester lebender Schriftsteller, der Nobelpreisträger, das Gewissen der Nation, ihr schreibender Mythenbilder, war Mitglied der Waffen-SS. So steht es in seinem demnächst erscheinenden Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ (Steidl), und dazu äußert er sich heute in der „FAZ“. Ein Treppenwitz der Geschichte? Oder eine Wahrheit, deren Bitterkeit sich noch gar nicht ermessen lässt? Die Kategorien geraten ins Schwimmen, weil sich daraus so viele Deutungsnöte ergeben: für das Werk von Günter Grass, für seine Rolle als linker Präzeptor, für das gesamte intellektuelle Gleichgewicht des Landes, das seine inneren Kämpfe und außenpolitischen Haltungsfragen immer noch vor dem Hintergrund zwölf langer Hitlerjahre ausficht.

Niemand hat Grass zu seinem Bekenntnis gedrängt, es hat ihn selbst gedrängt: „Das musste raus, endlich.“ Auch was das heißt, steht keineswegs fest. Ist sein Geständnis ein Akt der Größe? Ein Akt der Befreiung unter der Last einer übergroßen Scham? Oder – man muss auch das fragen dürfen – der Akt einer Eitelkeit, die ihre moralische Autorität gerade durch das eingestandene Versagen neu nobilitiert? Ist es womöglich der Auftakt einer Reihe ähnlicher Konfessionen von Kollegen? Das Problem ist nicht, dass Grass, 1927 in Danzig geboren, als Mitglied der Division „Frundsberg“ irgendwelche Verbrechen begangen hätte. Sosehr Grass in „Beim Häuten der Zwiebel“ Auslassungszeichen bemüht, ergebnislose Selbstbefragungen und die Metapher des gerissenen Films: Alles in diesem Buch, das mit der eigenen Erinnerung ringt, spricht dafür, dass er sich keine direkten Untaten vorzuwerfen hat. „Es ist ja eine Binsenwahrheit“, konzediert er der „FAZ“, „dass unsere Erinnerungen, unsere Selbstbilder trügerisch sein können. Wir beschönigen, dramatisieren, lassen Erlebnisse zur Anekdote zusammenschnurren. All das, also auch das Fragwürdige, das alle literarischen Erinnerungen aufweisen, wollte ich schon in der Form durchscheinen und anklingen lassen. Deshalb die Zwiebel.“

Grass, der 1944, mit 16 Jahren, den Einberufungsbefehl erhielt und im Winter 1944/45 als 17-Jähriger nicht der Wehrmacht, sondern der Waffen-SS zugeteilt wurde, reklamiert für sich zugleich, in den knapp drei Monaten seines Einsatzes – am 20. April 1945 wurde er verwundet – keinen einzigen Schuss abgegeben zu haben. Nach all den Debatten über das Verhalten deutscher Intellektueller während des Nationalsozialismus, die in der Bundesrepublik zu Vorzeigedemokraten mutierten, gilt auch im Fall Grass: Den Maßstab seines Ungenügens bildet die Tatsache, dass er seine Mitgliedschaft selbst in Zusammenhängen, wo er offen darüber hätte sprechen müssen, verheimlicht hat.

„Zu fragen ist“, heißt es im Buch, „erschreckte mich, was damals im Rekrutierungsbüro unübersehbar war, wie mir noch jetzt, nach über sechzig Jahren, das doppelte S im Augenblick der Niederschrift schrecklich ist?“ Schon da gerät er ins Stocken: „Der Zwiebelhaut steht nichts eingeritzt, dem ein Anzeichen für Schreck oder gar Entsetzen abzulesen wäre. Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils dann zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel, wie der von Demjansk, aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden musste.“ Von daher der aus Scham geborene Wunsch, sich einen Weg durch diese Ungewissheit zu bahnen: „Selbst wenn mir tätige Mitschuld auszureden war, blieb ein bis heute nicht abgetragener Rest, der allzu geläufig Mitverantwortung genannt wird. Damit zu leben ist für die restlichen Jahre gewiß.“

Wie aber hat Grass, der öffentliche Intellektuelle, vorher damit gelebt? Wie liest es sich jetzt, dass Grass 2002 für eine kommentierte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ eintrat? In welchem Licht erscheint seine Verteidigung der Literaturwissenschaftler Walter Jens, Walter Höllerer und Peter Wapnewski, die in jungen Jahren in die NSDAP eingetreten waren? „Wenn man über sie urteilt, dann muss man tolerieren und anerkennen“, erklärte er 2003, „dass alle, die diesen Jahrgängen angehört haben, sofern sie’s überlebt haben, die Chance hatten, etwas daraus zu machen.“ Welcher Mut fehlte ihm am Rande einer Gedenkveranstaltung für den kurz zuvor gestorbenen Höllerer, über das Bekenntnis hinauszugehen: „Bei Kriegsende war ich zwar 17 Jahre alt, aber bis heute nagt an mir, dass ich als 15-, 16-Jähriger nicht den hellen Blick gehabt habe, das Verbrecherische dieses Systems zu durchschauen.“ Wie unverbindlich klingt es nun, wenn er für die gerade in Schwerin stattfindende Ausstellung über Hitlers Lieblings-Bildhauer Arno Breker mit dem Satz votierte, dass sie, „wenn sie dokumentarisch und informativ gestaltet ist“, beantworten könne, wie sich Künstler „von den Nazis korrumpieren“ ließen? Gibt es ein Timing für Bekenntnisse wie das von Günter Grass?

Noch aufschlussreicher dürfte sein, die Spuren dieses Comingout in seinem Werk zu verfolgen. Warum leiden so viele seiner Protagonisten unter Minderwertigkeitskomplexen? Und hat Grass seine jetzigen Enthüllungen womöglich schon 2002 mit dem Roman „Im Krebsgang“, einer reich orchestrierten Übung in Sachen Erinnerung vorbereitet? Zusammen mit Jörg Friedrichs historischem Buch „Der Brand“ verschob der Roman die Selbstwahrnehmung der Deutschen als reines Tätervolk im Zweiten Weltkrieg zu einem Volk, das auch gelitten hat. Der Anfang vom Abschied von der Schuld: Das macht Grass sein Eingeständnis womöglich leichter,

Die Entsorgung des Ungenügens an sich selbst ins literarische Werk, die schon Walter Jens in Texten erprobte, die verdrängte Nazi-Vergangenheit zum Thema hatten, war stets ein psychologisches Heilmittel. Nicht weniger effektiv hat der Belgier Paul de Man seine antisemitischen Kriegsschriften später in seiner dekonstruktivistischen Literaturtheorie unlesbar gemacht. Trotz möglicher Gemeinsamkeiten: Jeder Fall bleibt ein Einzelfall.

Was ist gespenstischer? Die Erinnerungslosigkeit an seine NSDAP-Mitgliedschaft, die der durch Akten unter Druck geratene Walter Jens bis heute für sich reklamiert? Die Kraft, mit der Grass seine Waffen-SS-Zeit verschwieg? Oder die Freimütigkeit, mit der Grass nun beichtet? Die Kunst des Menschen, sich seine Autobiografie so zurechtzulegen, dass selbst schwerste Traumata in der Geschichte, die er sich von sich selbst erzählt, nicht berührt werden, unterschätzt man gern. Die Lüge in all ihren Formen ist ein bewusster Akt – zumindest einer, der an die Oberfläche des Bewusstseins gehoben werden kann. Das Leugnen dagegen kann einer hart erarbeiteten, vielleicht sogar therapieresistenten Erinnerungsunfähigkeit entspringen.

Grass hat all das durchbrochen. Denn, wie es im „Krebsgang“ heißt: „Der Schriftsteller erinnert sich professionell. Er weiß, dass die Erinnerung eine oft zitierte Katze ist, die gestreichelt sein will, manchmal sogar gegen den Strich, bis es knistert; dann schnurrt sie.“ Und ein paar Sätze weiter: „Es mag eine berufliche Deformation sein, die es ihm erlaubt, Schmerzhaftes, Beschämendes, sogar erinnertes Versagen mit Lust zu verwerten.“ Ob das Selbstbefriedigung ist oder Aufklärung, darüber wird die Öffentlichkeit mit ihm hadern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben