• Örtlicher Widerstand - Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt, ein Entwurf der Berliner Architektin Gesine Weinmiller

Kultur : Örtlicher Widerstand - Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt, ein Entwurf der Berliner Architektin Gesine Weinmiller

Falk Jaeger

Es gibt nicht wenige Architekten mit großem, bemerkenswertem Îuvre, über deren Person kaum je berichtet wird. Bei der jungen Berliner Architektin Gesine Weinmiller verhält es sich umgekehrt: Die Zahl ihrer gebauten Projekte ist gering, doch ist sie bekannter als mancher arrivierte Kollege. Als Preisträgerin des Reichstags- und des Holocaust-Wettbewerbs und als Konkurrentin des Megastars Peter Eisenman hat sie sich profilieren können, hat Kompetenz und persönliche Statur unter Beweis bestellt, doch auch mit ihren Werken ließ sie aufmerken, baute sie doch nicht für irgend jemanden, sondern gleich für den Bundestagspräsidenten und für den Bundeskanzler. Die beiden Villen in der Pücklerstraße und in der Miquelstraße waren im Inneren neu zu disponieren und auszugestalten. Gesine Weinmiller brachte die Funktion in Ordnung und bewies ein sicheres Gespür für zurückhaltende Repräsentanz und für nach Absolutheit strebende Detailqualität und Perfektion.

Thüringen ist nicht Berlin

Dass die ehemalige Mitarbeiterin von Hans Kollhoff mit ihrer nüchternen, perfektionistischen Architektur in Berlin ankommt, mag niemanden verwundern. Anderenorts benötigt sie mehr Standvermögen. In Thüringen zum Beispiel. Dort, sollte man meinen, müsse die lange Abstinenz von wohlgestalteter Architektur die plattenbaugeschädigten Ostdeutschen für qualitätvolles Bauen empfänglich gemacht haben. Doch wie allenthalben in den neuen Ländern müssen Staats- und Stadtbauräte und engagierte Architekten Seite an Seite kämpfen, um anspruchsvolle Baukunst zu realisieren. Der dritte Aufguss zweitklassiger Postmoderne hat es leichter, bei der Bevölkerung Akzeptanz zu finden als eine seriöse Neomoderne oder gar Avantgardearchitektur dekonstruktivistischen Einschlags.

Der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt hatte die Föderalismuskommission des Deutschen Bundestags das bislang in Kassel beheimatete Bundesarbeitsgericht zugesprochen. "Hässlicher Klotz" war noch eines der moderateren Verdikte in der Bevölkerung, als das Ergebnis des Architektenwettbewerbs präsentiert wurde. Vor allem die Lokalpresse schürte den Unmut gegen den monumentalen Entwurf mit polemischen Artikeln, druckte Stimmzettel zur Stellungnahme gegen das Projekt und öffnete ihre Leserbriefspalten für geharnischte Unmutsäußerungen. Doch der Bauherr ließ sich nicht beirren und realisierte den Entwurf Gesine Weinmillers in unmittelbarer Nachbarschaft der Zitadelle auf dem Petersberg.

Wie ein Parthenon steht der Neubau vor Augen, ernst, statuarisch, sein Umfeld auf dem Glacis der barocken Stadtbefestigung beherrschend. Man fühlt sich durch die karge Kombination von Sichtbeton und Naturstein an neuere spanische Architektur erinnert oder an Vacchini und andere Schweizer Heroen der Neuen Einfachheit. Vielleicht ist es die eigenständige Position, die das solitäre Gebäude behauptet, mit der sich die Bürger anfreunden müssen. Angebote macht der Bau - für den, der sehen kann und will.

Für den Spaziergänger etwa, der von der Zitadelle her kommt, die Bastion verlässt, einer alten Bruchsteinmauer folgt, durch einen regelmäßigen Baumhain wandelt, das Gerichtsgebäude und ein Wasserbecken umrundet, aus dem der kürzlich verstorbene Züricher Gartenarchitekt Dieter Kienast rätselhafte Mauern aufsteigen ließ. Sehr subtil spielt der Bau mit Innen und Außen, umgibt sich mit raumhohen französischen Fenstern. Die individuell zu öffnenden Lüftungsflügel verbergen sich hinter innen hohlen Natursteingewänden, die als "Taschen" auch den Sonnenschutz aufnehmen. Der Theumarer Schiefer wurde "sklypiert", das heißt, ihm wurde mit feinen horizontalen gesägten Rillen zu einer lebendigen Oberfläche verholfen. "Gestört" wird das gleichförmige Fensterraster durch die gläsernen Sonnenblenden, die elektrisch aus den Taschen gefahren werden können. Sie sind mit einem Buchstabenraster bedruckt, das sich bei genauerem Mustern als die endlos ohne Punkt und Komma wiederholten ersten Sätze des Grundgesetzes herausstellt: "D I E W Ü R D E D E S M E N S C H E N I S TU N A N T A S T B A R D I E W Ü R D E ...".

Gerichtslinde und Weltachse

Obgleich durch die raumhohen Fenster ringsum zugänglich scheinend, gibt sich das Haus verschlossen, denn natürlich hat sich der Besucher am zentralen, gesicherten Eingang auszuweisen. Den Zugang findet er wie bei einem Tempelbezirk nach Durchschreiten eines Tores erst im westlichen Innenhof, der die Eingangssituation räumlich überraschend reizvoll formuliert. Vier "Gerichtslinden" und die "Weltachse", eine drei Geschosse hohe Stapelstele von Jürgen Partenheimer schmücken den gepflasterten Hof.

Eine klare Nutzungsstruktur und die präzise geordneten Grundrisse der zwei Lichthöfe umfangenden Bürotrakte bestätigen den Eindruck eines disziplinierten, auch distinguierten Hauses, dem eine gewisse Eleganz zu eigen ist. Etwa die Eleganz eines vornehmen Kleides, das weder durch extravaganten Wurf noch durch vorlaute Farben auffallen muss, vielmehr durch Harmonie von Material, Schnitt und Farbe eine vollkommene Erscheinung vermittelt. Gesine Weinmiller hat jede Türzarge und jedem Fensterbeschlag Sorge angedeihen lassen. Minimierung des Details im Sinne Mies van der Rohes wird überall als Gestaltungsprinzip deutlich, etwa im östlichen Lichthof, dem "Bibliothekshof". Die Oberlichte des großen Foyers waren gestalterisch zu bewältigen. Üblicherweise kommen vulgäre Plexiglaskuppeln zum Einsatz. Die Architekten haben statt dessen präzise, milchglasgedeckte Tableaus entwickelt, die fast skulpturalen Charakter haben und wunderbar mit dem spartanisch-edel wirkenden japanischen Garten harmonieren. In Treppenhalle, Foyers und Verhandlungssälen erzeugen Eichenpaneele und Teppichböden in gedeckten Farben oder Natursteinböden aus blassgrünem Tessiner Gneis eine Atmosphäre von gehobenem, fast vornehmem Charakter, die einem Bundesgericht angemessen ist. Die Farbe kommt durch Kunst, unter anderem von Remy Zaugg, Veronika Kellndorfer, Katharina Große und Ian Hamilton Finlay ins Haus.

Wenn auch das Gebäude monolithisch blockhaft geformt ist und durch Binnengliederungselemente wie Durch- und Ausgänge und seitliche Loggienhöfe kaum variiert wird, erfährt es doch durch den raffinierten geschossweisen Wechsel der Fensteröffnungen, den Versatz der Betonskelettrahmen und die unterschiedlichen Stellungen der Sonnenblenden eine subtile, doch umso stärker physisch erlebbare Rhythmik, deren Ursache erst auf den zweiten, den analytischen Blick erkennbar wird. Als "Klotz" oder "Block", wie der flüchtige Blick auf das Modell befürchten ließ, wirkt der realisierte Entwurf durch diese feinsinnige Fassade mitnichten. Die sanfte Würde ihrer dezent-effektvollen Materialwirkung und die Kraft ihrer Ordnung heben das in den Kontext der Neuen Einfachheit der neunziger Jahre einzuordnende Bauwerk in einen hohen Rang.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben