Österreich : Linzer Schloss: Glanz in Glas

Wir können auch anders: Die Stadt Linz hat ihr Schloss weitergebaut – ganz modern und radikal.

Alexander Hosch

Am Ende ist noch ein Riesenzahn-Hai eingezogen. Das neun Meter lange Modell des Fisches, der vor 18 Millionen Jahren die „oberösterreichischen Meere“ unsicher machte, war eines der letzten Objekte, das vor der Eröffnung in den neuen Südtrakt des Linzer Schlosses gebracht wurde. Die eigentliche Attraktion jedoch ist der Bau selbst: Ein Schlossflügel aus Glas, Streckmetall und Stahl, zeitgemäß, radikal.

Für Österreichs größtes Universalmuseum wurde das Stadtschloss wieder komplettiert: Vor über 200 Jahren war einer der Flügel abgebrannt, an seiner Stelle hatten zuletzt unansehnliche Höfe für Parkplätze und andere charmefreie Zonen gesorgt. Der Neubau erweist sich als kleine Sensation: Weithin sichtbar, liefert der langgezogene und geknickte Silberstreif eine formidable Stadtkrone. Zudem haben die Besucher jetzt von oben einen Panoramablick über die City.

Mit vielen Projekten feiert Linz sein Kulturhauptstadtjahr. Der Südflügel gehört dazu. Während in Potsdam und Berlin die Schlossbaumeister, gleichsam mit aller Kraft gegen das 21. Jahrhundert, verblichene Gesellschaftsformen gestalterisch aufarbeiten, durften die Kollegen hier ganz sie selbst sein. Niemand musste in Linz gegen eine innere Monarchie ankämpfen. Der Kaiser saß in Wien.

In Konkurrenz zum Wiener Glanz hie und der Operettenkulisse von Salzburg da hat Linz in Österreich schon länger die Rolle der weltoffenen, geistig mobilen Wirtschafts- und Arbeitsstadt adaptiert. Dort spricht man eher „Leute“ als „Bürger“ an – und ist stolz, dass es nicht nur die Voest-Werke, sondern auch eine seit Jahrzehnten florierende Industriehallenszene gibt.

Adolf Hitlers Plan, die oberösterreichische Metropole mit Nazibauten zu prägen und zu seiner Kulturzentrale aufzurüsten, hilft den Stadtvätern heute dabei, von einer Verklärung der Vergangenheit in neuen Romantikzonen lieber abzusehen – und stattdessen in die Zukunft zu blicken. So wurde die Donaustadt auf der Suche nach einer Identität allmählich zum Baukunsterwartungsland. Seit 1987 eine Wettbewerbspflicht bei Großvorhaben eingeführt wurde, ist die Zahl gelungener neuer Architekturen gewachsen. Lentos Kunstmuseum, Ars Electronica Center, Offenes Kulturhaus und Power Tower heißen sie. Bald kommt ein neues Musiktheater dazu.

Jetzt aber erst einmal der Südflügel: Das 2004 gegründete Grazer Architektur-Office „Hope of Glory“ (HoG) von Martin Emmener (33), Hansjörg Luser (35) und dessen Vater Clemens ging 2006 völlig überraschend mit einer von Rolltreppen erschlossenen Glas-Stahl- Konstruktion als Sieger aus dem Wettbewerb hervor: Sie gewannen mit einer 100 Meter langen „Brücke“, die über einer Freifläche auf lediglich zwei Kernen lagert, während zwei weitere Geschosse nach unten in den Berg gegraben wurden. Die oberste Etage scheint so förmlich über der Festung zu schweben. An ihrer Unterseite offenbart sich ein Stahlfachwerk, das den weit auskragenden Bau trägt. Die Hülle zur Stadt – sie ist einer Zickzackstruktur plus Verglasung vorgehängt – besteht aus grobmaschigem Streckmetall, das verschiedene Funktionen erfüllt: Es verschattet Räume mit empfindlichen Exponaten – und verschleiert im Sonnenlicht die Silberfront manchmal moiréhaft.

Nach innen geben schräge Fassaden mit Glasrauten dem Bau eine leicht dekonstruktivistische Note. Die Eleganz weicht hier teilweise einem schroffen Kontrast zum weißen Putz des Altbaus, dessen Arme den Glasflügel eher mit der Zange anfassen, als dass sie ihn anschließen. Dieser Neubau sucht keine falsche Harmonie. Und das stört gar nicht. Unter der Freifläche, die Aussichtsplatz und Café-Terrasse ist, liegt der größere Teil der 6800 zusätzlichen Quadratmeter, auf denen auch der Museumsshop und, am Fuß des Berges, ein neuer Zentraleingang untergebracht sind. Von dort gelangt man in die neuen Sonderausstellungsareale. Die Debütschau heißt „Das Grüne Band Europas“ und untersucht den Naturraum des ehemaligen Eisernen Vorhangs. An den Dauerpräsentationen zu Technik und Natur wird bis August noch gearbeitet.

Und während man es ein bisschen schade findet, dass die Rolltreppen des ersten Entwurfs eliminiert wurden, gibt man Emmener recht: „Eigentlich unglaublich, dass der fertige Bau genauso gut aussieht wie der Wettbewerbsentwurf!“ „Hope of Glory“ haben ihr erstes großes Projekt (das überhaupt erst ihr zweites ist) rasch und innerhalb des Kostenrahmens von 24 Millionen Euro abgeschlossen. Wenn doch alle Schlossbaustellen so aufgeklärt und unumstritten wären. Und am Ende so schön.Alexander Hosch

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