Kultur : Off und Zoff

Christine Wahl

Zugegeben: In trüben Bühnenstunden nagen selbst am hartnäckigsten Theaterfan böse Selbstzweifel. Da sitzt er in so einem ergrauten Shakespeare, starrt – im allertrübsten Fall – auf Pappkronen und Degenimitate (jawohl, das gibt’s noch), und geht kleinlaut mit sich ins Gericht: Hätte man nicht auf alle hören sollen, die es schon immer nur gut mit einem meinten, und über Kino schreiben? Oder Computer?

Aber im vergangenen Jahr war alles anders. Die Kolumnistin, die jetzt an dieser Stelle regelmäßig über die dramatische Kunst im Allgemeinen und die Berliner Off-Szene im Besonderen schreiben wird, kann mit Fug und Recht behaupten: 2006 war das Jahr der Theaterfans. Selbst Pessimisten, die zum Beispiel so alten Hüten wie dem Mitmachtheater bestenfalls noch das Provokationspotenzial eines offen zur Bühnenschau gestellten Feinrippschlüpfers zugetraut hatten, bekamen ausgiebig Gelegenheit, ihr resigniertes Theaterherz zu wärmen. Man erinnere sich nur jenes Vorfalls im Frankfurter Theater, der als „Spiralblockaffäre“ in die feuilletonistischen Annalen einging und den Beweis erbrachte, dass ein Schauspieler nur mal einem Kritiker den Notizblock aus der Hand nehmen muss, um sofort die ganz großen Debatten – Kunst, Freiheit, Arbeitsschutz – in die Öffentlichkeit zu tragen. Der Schauspieler Thomas Lawinky , der die Sache damals ins Rollen brachte, hat nun zusammen mit dem Gorki-Chef Armin Petras ein Stück geschrieben: „Mala Zementbaum“. Da geht’s um Biografien, die Uraufführung am Maxim Gorki Theater ist am 9. Februar.

2006 war das Jahr der Erkenntnis, dass mit geringstem Aufwand selbst die theaterfernsten Medien und Menschen zu tief greifenden Betrachtungen über die Bühnenkunst zu animieren sind. Was bleibt für 2007 zu wünschen übrig? Theatermacher, die nicht nur von der Gesellschaft verdebattiert werden, sondern sich auch noch intelligent mit ihr auseinandersetzen. Zum Beispiel die Regisseurin Anja Gronau . Die hatte schon in ihrer wunderbaren „Trilogie der klassischen Mädchen“ Goethes Gretchen, Kleists „Käthchen von Heilbronn“ und Schillers „Jungfrau von Orleans“ einer leichthändigen, aber radikalen Gegenwartskur unterzogen. In ihrem Projekt Nach D. (HAU 3, Tempelhofer Ufer 10, 6., 7., 9., 12. bis 14. Januar) wird sie nun nachgerade tagesaktuell: Inspiriert von August Strindbergs „Nach Damaskus“, fragt sie aus einer gegenwärtigen Perspektive nach der Renaissance von Religionen und ihren sektiererischen Schwestern.

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