Kultur : "Offene Blende": Hinter dem Busfenster das Paradies

Katrin Hillgruber

"Dein wievielter See ist dies, Gesine?", fragt Marie Cresspahl ihre Mutter am 20. April 1968 beim Schwimmen im amerikanischen Patton Lake. "How many lakes did you make in your life now?" In Uwe Johnsons Romantetralogie "Jahrestage" wird das Wasser zur Umschaltstelle des Bewusstseins, zum Element des Vergleichs, das einen assoziativen Ebenenwechsel auslöst: hin zur unerreichbaren Küste Mecklenburgs. Das Mecklenburg von Antje Rávic Strubel heißt Eisenach, die prägenden Kindheitsszenen aus den sechziger Jahren sind ein Eselsritt auf die Wartburg und ein heimliches Treffen mit den Verwandten aus dem Westen. Daran erinnert sich die Heldin Christiane 19 Jahre später in New York, bei ihrer Einreise: "Durch das Guckloch im Busfenster sah sie das Paradies." Das Kürzel DDR ist der Einwanderungsbehörde an den Pforten zum Paradies nicht bekannt.

Was für die erinnerungstrunkenen "Jahrestage" das Wasser bedeutet, das zaubert "Offene Blende" mit dem Licht herbei. Der Debütroman der 1974 geborenen Potsdamerin Antje Rávic Strubel ist in erster Linie ein Versuch über die Wirkung des Lichts. Da passt es nur zu gut, dass die Autorin nach einer Buchhandelslehre am Wings-Theater in New York als Beleuchterin arbeitete, bevor sie Amerikanistik, Psychologie und Literaturwissenschaft studierte. Heute lebt sie wieder in Berlin und Potsdam. Ihr groß angelegter Roman strotzt von mutmaßlich Selbsterlebtem, von der halbverdauten, da übermächtigen Faszination des American Dream: "Alle Kellnerinnen im Village sind Schauspielerinnen." Die zwölf Kapitelüberschriften - von "One: Jahrestage" bis "Twelve: Passagen" - rufen neben Johnson, Walter Benjamin und dem - besonders für ein Buch namens "Offene Blende" - wohlfeilen Filmtitel "Blow Up" von Antonioni weitere gewichtige Vorbilder auf. Darunter sind östliche wie Maxie Wander oder Michail Scholochovs Donkosaken-Roman "Neuland unterm Pflug".

Die DDR liefert auch dieser jungen Schriftstellerin mit ihrem hohen Kunstanspruch die interessantere, exotischere Vergangenheits-Folie, als sie Westdeutschen zur Verfügung steht. Das bewies nicht zuletzt Antje Rávic Strubels selbstbewusste Lesung in Klagenfurt vor einer Woche: In "vollendeter Balance zwischen Durchsichtigkeit und Geheimnis", wie die Jury befand, trug sie eine stilsichere Erzählung über den Stillstand der DDR im Jahre 1978 vor. Das brachte ihr zu Recht den Ernst-Willner-Preis ein.

Der narrative Sprung aus der parzellierten DDR in die sprichwörtliche Weite Amerikas ist riskant. Antje Rávic Strubel verfügt über eine bildmächtige Sprache, die sich zu beeindruckend schönen Stilleben verdichten kann. Auf der anderen Seite ist ihr Debüt vor Klischees nicht gefeit und vernachlässigt die Stringenz der Handlung. Seitenlange Gespräche in Coffee Shops und im Off-Off-Theater, das die illegal eingereiste Christiane mit ihrem Mitstreiter Jeff aufbaut, schließlich die Begegnung mit Leah, der Fotografin aus Marburg, der gleichzeitige Beginn der Liebe und der Lügen: All das hätte man ohne Schaden um 100 Seiten straffen können.

Aus der idealistischen Theatergründerin Christiane wird die kesse Lesbe Jo. Leah gegenüber gibt sie sich als Angestellte aus Chicago aus. Beherrscht Jo den Akzent des Mid West so gut, dass sie die Landsmännin täuschen kann? Dieser Betrug, der lange Zeit nicht einmal in den intimsten Momenten auffliegt, wirkt unmotiviert und wenig überzeugend. Die unglücklich vertauschten Heldinnen der Gartenlaube grüßen die Backfische im Coffee Shop.

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