Kultur : Offene Fenster einrennen

Katrin Wittneven

Santiago Sierras Eingriff ist gewalttätig: Acht Meter lange mit Teer beschichtete Stelen besetzen die zwei Galerieräume, ragen aus den Fenstern hinaus oder durchbrechen die Wände, so dass grobe Löcher entstehen. In seiner ersten Ausstellung bei carlier gebauer macht es der Künstler seinen neuen Galeristen zur feierlichen Eröffnung ihres Domizils an der Jannowitzbrücke nicht gerade behaglich. Ein kleines Eckchen bleibt für die fröstelnden Mitarbeiter und Computer frei - die Stelen belegen den Rest. Wo einmal das Lager sein soll oder der Rückzugssraum für Verkaufsgespräche, ist im ersten S-Bahnbogen nur zu erahnen. Kaltes Neonlicht leuchtet den Rohbau aus, für Diskretion ist hier kein Platz. Allein der Ausstellungsraum der Galerie im zweiten Bogen kommt schon jetzt zur vollen Pracht - trotz des Baustellen-Ambientes.

Minimale Heimarbeit

Wie Skulpturen der Minimal Art loten die schwarzen Stelen den großen gewölbten Raum aus und machen ihn in seiner Dimension physisch erfahrbar. Sierra hat die maximale Größe der langgestreckten Quader nach den Raummaßen errechnet. Konsequent nebeneinander angeordnet fügen sie sich so zum ästhetischen Bild. Diese Ausrichtung an den Raumvorgaben, die Seriellität der zwölf gleichen geometrischen Objekte und ihr Purismus erinnert an die Tradition minimalistischer Kunst. Anders aber als Minimal Art sind die langgestreckten Quader nicht industriell gefertigt worden und in keiner Weise perfekt. Schon zur Eröffnung weisen sie angeschlagene Ecken auf und Spuren der Fertigung, was wiederum die Phantasie der Vernissagenbesucher beflügelt, die bereits Arbeiten des in Mexico-City lebenden Künstlers kennen: Ob es denn arme Asylbewerber waren, die für einen läppischen Stundenlohn die tonnenschweren Stelen in die Galerie gewuchtet hätten, war wohl die am häufigsten gestellte Frage des Eröffnungsabends. Sie muss verneint werden, denn diesmal waren es die üblichen Hilfskräfte der Galerie, die mit Unterstützung von Bauarbeitern die Schwerstarbeit erledigt hatten.

Das verwundert, denn bekannt wurde der 1966 in Madrid geborene Santiago Sierra mit spektakulären Aktionen, bei denen er die Arbeitskraft von Menschen ins Zentrum stellte. Für ein geringes Entgelt ließ er Arbeitslosen oder Prostituierten eine schwarze Linie auf den Rücken tätowieren oder bezahlt mittellose Einwanderer dafür, Betonblöcke zu gießen und sie sinnlos hin- und herzuschleppen. Ende 2000 fand er unter Asylbewerbern in Berlin Freiwillige, die vier Stunden täglich verborgen in Pappkartonskulpturen ausharrten und so in der großen Ausstellungshalle der Kunst-Werke in der Auguststraße zur beklemmenden Installation wurden - bezahlen durfte Sierra die "Arbeiter" in dem Fall nicht - die Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis fürchteten ihre Ausweisung, sollten sie ein Einkommen erhalten. Sierras drastischen Inszenierungen bedienen sich der entwürdigenden und ausbeuterischen Gesetzte des Marktes und verdrehen sie gleichermaßen. Letztlich aber machen sie nur die bestehende Situation schmerzlich sichtbar. Denn, so der Künstler: "Personen sind Objekte des Staates und des Kapitals und werden als solche eingesetzt. Genau das versuche ich aufzudecken".

Teer ohne Federn

Für die Ausstellung bei carlier gebauer entzog sich Sierra der an ihn gestellten Erwartungen. Skandalöse Details sind hinter den Stelen nicht verborgen. Allein das Material ist derb: eine einfache Holzkonstruktion liegt ihnen zugrunde, die mit Teer beschichtet wurde. Tief schwarz liegen sie nun da, als warten sie nur darauf gefedert zu werden. Teer entsteht beim Verkoken von Steinkohle und ist ein zähes Produkt, das je nach Temperatur flüssig oder fest ist. Spielt Teer im Straßenbau aufgrund gesundheitlicher Langzeitschäden keine Rolle mehr, findet er wegen seines wasserabweisenden Charakters nach wie vor Anwendung auf Schiffen und in Häfen. So bezieht sich Sierras Installation auch auf den Galeriestandort am Wasser und die andere Seite der idyllischen Ausflugsdampfer, von denen aus die Stelen zurzeit ebenso gut zu sehen sind.

Sierra lenkt die Aufmerksamkeit damit auf den neuen Galerienstandort in der Holzmarktstraße. Das Arreal an der Jannowitzbrücke ist zwischen Autowaschanlage, BEWAG-Gebäude und Spree eine noch wenig definierte Leerstelle im neuen Berlin - ein Grund, warum Galeristen ihn in den letzten Monaten für sich entdeckten. Hetzler, chouakri brahms, c/o Atle Gerhardsen, Büro Friedrich waren die ersten - jetzt verließ carlier gebauer für zwei S-Bahnbögen die Räume in der Torstraße. Zurzeit übertreffen sich die Berliner Galeristen mit ihren repräsentativen oder zumindest individuellen Domizilen. Wer nicht mitzieht, an dem ziehen die anderen vorbei. Sierras temporäre Besetzung des Galeriebetriebs ist auch als Kommentar auf diese rasante Entwicklung zu lesen und dennoch bleibt sein Eingriff bei allen Verweisen seltsam halbherzig.

Sierras Aktion verletzt die Oberflächen - und schafft damit ein überaus beeindruckendes ästhetisches Bild. Er greift zwar in Produktivitätsprozesse ein, und die Galerie ist durch seine Installationen zunächst einmal in ihrer Funktion gestört, aber der Lebensnerv Computeranschluss ist erhalten geblieben. Und wenn sich auch die Kunstsammler am Eröffnungsabend nur kalten Wind um die Nase wehen lassen können, macht der Künstler bereits Fotos von seiner Installation, die in kleiner Auflage dann auch wieder ihre Herzen erwärmen werden. Sierra schließt an Debatten um die Produktionsbedingungen von Kunst und die Reflektion über Institutionen in den neunziger Jahren an, aber zu gut fügt sich letztlich sein Beitrag ein, als dass er wirklich wehtun würde. Mit dem Durchbrechen der Galeriemauer rennt der Künstler längst offene Türen ein.

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