Offener Brief : "Ich fühle mich als Franzose angegriffen"

Für Menschenrecht und Brüderlichkeit: Ein offener Brief an Präsident Sarkozy.

Tahar Ben Jelloun
T.B. Jelloun.
T.B. Jelloun.Foto: AFP

In Frankreich verschärft sich die Debatte über die nationale Identität. Präsident Nicolas Sarkozy lässt Roma in großer Zahl abschieben. Zehntausende Bürger haben gegen diese Praxis demonstriert. Kritiker werfen Sarkozy vor, Sicherheitspolitik mit Einwanderungspolitik zu vermischen. Tahar Ben Jelloun, geb. 1944, lebt als Schriftsteller in Paris. Er erhielt viele internationale Preise. Sein Offener Brief erschien diese Woche in „Le Monde“. Aus dem Französischen übersetzt von Christiane Kayser.

Herr Präsident,

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, vielleicht lesen Sie ihn …

Ich habe das Glück zwei Staatsbürgerschaften zu besitzen. Ich bin Marokkaner und seit 1991 auch Franzose. Für mich ist es ein Segen, zwei Ländern, zwei Kulturen, zwei Sprachen anzugehören und ich erlebe es als ständige Bereicherung. Seitdem Sie in Grenoble erklärt haben, jeder eingebürgerten Person, die ein schweres Verbrechen begeht, könne in Zukunft die französische Staatsbürgerschaft aberkannt werden, fühle ich mich als Franzose in gewisser Weise bedroht oder zumindest angegriffen. Obwohl ich keineswegs vorhabe, jetzt eine Verbrecherkarriere einzuschlagen oder die öffentliche Ordnung ernsthaft zu stören, empfinde ich Ihre Äußerungen als Angriff auf die wesentliche Grundlage dieses Landes, unsere Verfassung. Herr Präsident, das ist nicht zulässig in einer Demokratie, in einem Rechtsstaat wie Frankreich, das trotz allem das Land der Menschenrechte bleibt, ein Land, das im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts Hunderttausende politische Exilanten aufgenommen und gerettet hat.

Im Jahr 2004 haben Sie als amtierender Innenminister erklärt: „Auf jedes Delikt müssen wir entschlossen reagieren. Doch unsere Reaktion kann nicht unterschiedlich ausfallen, je nachdem ob der Täter einen französischen Personalausweis hat oder nicht.“ Heute, als Präsident, widersprechen Sie dem Innenminister, der Sie einmal waren. Die Nationalität ist ein Teil der Identität. Sie kann eine doppelte Staatsbürgerschaft sein wie in meinem Fall. Ich möchte auf keine meiner beiden Nationalitäten verzichten. Das käme einer Erniedrigung gleich.

Im Übrigen ist keine Gesellschaft an sich rassistisch. Es ist dumm und ungerecht zu behaupten: „Frankreich ist ein rassistisches Land.“ Wie in vielen anderen Ländern gibt es in Frankreich Tendenzen in Richtung Ausschluss und Rassismus, manchmal aus ideologischen und politischen Gründen, zum anderen aufgrund sozialer Misere, Armut und Existenzangst. Kriminalität und Einwanderung kausal miteinander zu verknüpfen, ist mehr als ein Irrtum, es ist eine Verfehlung. Politische Entscheidungsträger sollten solche Tendenzen entkräften beziehungsweise ihre Entwicklung verhindern. Ein Staatschef kann und darf nicht aus einer Laune oder dem Bauch heraus reagieren. Er ist eben kein normaler Staatsbürger, der egal was äußern kann. Er muss jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen und die Konsequenzen abwägen.

Ich verstehe ihre Sorge um die Sicherheit der Bürger. Niemand wird Banditen verteidigen, die auf Polizeibeamte und Gendarmen schießen. Die Justiz muss „entschlossen auf diese Delikte reagieren“; doch die Täter müssen unabhängig von Herkunft, Religion oder Hautfarbe abgeurteilt werden, sonst verfallen wir in eine Logik der Apartheid. Zudem ist Repression alleine nicht die Antwort. Wir müssen das Übel an der Wurzel packen und nachhaltig die dramatische Situation der Vororte (Banlieues) sanieren.

Es ist einfacher, Misstrauen oder gar Hass auf Fremde zu säen als gegenseitigen Respekt zu fördern. Doch ein Staatschef ist kein besserer Polizist. Er ist der höchste Richter des Landes, folglich muss er untadelig in Taten und Worten sein. Er ist der Garant der Justiz und des Rechtsstaats. Herr Präsident, wenn Sie Verbrechern mit Migrationshintergrund, die das Leben von Polizeibeamten oder Gendarmen gefährden, die Aberkennung der Nationalität verheißen, ist das verfassungsfeindlich.

Die Wirtschaftskrise erklärt und entschuldigt nicht alles. Wir befinden uns zweifellos in einer moralischen Krise. Ihre Aufgabe, Herr Präsident, ist es, das Image Frankreichs zu rehabilitieren in Bezug auf das Schönste, Beneidenswerteste und Weitreichendste, das wir haben : unseren Status als Land der Menschenrechte, der erklärten Solidarität und der Brüderlichkeit, eine großherzige Heimat, reich an Unterschieden, Farben und Gewürzen, die nicht zuletzt den Beweis liefert, dass der Islam mit Demokratie und religiöser Neutralität des Staates kompatibel ist.

Deshalb bitte ich Sie, Herr Präsident, tilgen Sie das unglückselige Gedankengut aus Ihren Reden, das eine rechtsextreme Partei verbreitet, um unser Land einzusperren, es zu isolieren und seine grundlegenden Werte zu verraten.

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