Kultur : Oh, diese Sommersprossen!

SILVIA HALLENSLEBEN

Die Pubertät ist im Leben wie im Kino meist eine schreckliche Zeit.Auch für Maria: In dem australischen Kaff Cider Gully, das nur aus ein paar Häuschen und einem Friedhof zu bestehen scheint, gibt es kaum Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben.Maria sitzt in ihrem Zimmer auf dem Teppich und fummelt an sich herum, "da unten", wie es die Mutter nennt.Sie zerdrückt Fliegen, reißt ihnen die Flügel aus und ißt sie dann.Überprüft gewissenhaft ihren Körper: "Do you have perfect breasts?" fragt die Zeitung."Yes", sagt Maria.Nur die Sommersprossen überall auf ihrer Haut, die sind das völlige Gegenteil von Perfektion, und Maria versucht mit allen Mitteln, sie zu beseitigen.

Die Sommersprossen sind Marias Stigma.Symbolischer Fliegendreck.Die Sexualität ist das moralische Stigma in der patriarchalen Welt italienischer Einwanderer.Die Eltern wollen Maria verheiraten.Maria will Anwältin werden."I will not marry" sagt sie und versteckt sich im Hühnerstall.Und während die Mutter telefoniert und putzt, pflegt der Vater seine Gartenzwerge und setzt der unbotmäßigen Tochter mit der Flinte nach.Klischees? Monica Pellizzari, selbst in Sidney als Tochter italienischer Einwanderer aufgewachsen, hat in ihrem ersten Spielfilm eine sehr eigene, traumhaft klare Bildsprache gefunden.Die Pubertät ist auch hier schrecklich, doch "Fistful of flies" ist alles andere als ein deprimierender Film.Dazu geht es viel zu grell zu, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Wie durch ein Vergrößerungsglas richtet sie den Blick auf die Verzerrungen dieser kleinen Hinterland-Welt.Gerne schaut die Kamera aus der Vogelperspektive hinab.Irgendwann ändert dieser so aufsässige Pubertätsfilm den Blickwinkel.Der Anlaß kommt von außen.Während das Interesse des Vaters von Gartenzwergen zur Nachbarin übergegangen ist, sorgt sich die Mutter mittlerweile medizinisch um die Unschuld der Tochter.Doch die bestellte Ärztin stellt sich überraschend als jung, dunkelhäutig und problembewußt heraus.Es ist der Spiegel dieser fremden Frau, der die mütterlichen Sorgen um das moralische Wohlergehen der Tochter als Projektionen eigener Ängste erscheinen läßt - Ängste einer mittelalten Frau, die ein bißchen zu viel putzt und fürchtet, sexuell zu verkümmern.

Diese Hinwendung zur Mutter ist eine schöne Wendung, weil sie nicht mitleidig, sondern mit fast grimmigem Humor geschieht.Überhaupt hat Monica Pellizzaris australo-katholischer Bizarrealismus bei allem Engagement mit dem Problembewußtsein vieler europäischer Frauenfilme nichts am Hut.Pellizzari spricht von und für sich, nicht für andere.So darf dieser Film am Ende sogar etwas riskieren, was anderswo meist im Gefühlsdusel ersäuft: eine drei Generationen verschwesternde Frauenfreundschaft.Und das ist schön.

Balazs, Lupe 2 und Eiszeit (OmU)

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