Kultur : Ohne Apfel

Caroline Fetscher über Eva, Adam, die Fernsehstudios und die Schöpfung

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Am schönsten ist der Grundwiderspruch: Eine Frau, die mit Sprechen, als „Tagesschau“-Sprecherin nämlich, gutes Geld verdient hat, vertritt nun öffentlich und wiederum sprechend, in Talkshows und Interviews, die Ansicht, Frauen sollten öfter mal den Mund halten. Mancher Mensch würde das inzwischen gerne bei ihr selbst erleben. Aber Eva Herman denkt nicht daran, mit dem Sprechen aufzuhören, bis alle Welt von ihrem Buch erfahren hat. Darin geht es darum, dass Frauen ihr Glück endlich wieder im Zuhause, im Eigenheim, am Herd, beim Gebären neuer Staatsbürger und am Designer-Wickeltisch finden sollten, anstatt aufdringlich die Kantinen öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten zu bevölkern.

Lassen wir Eva weiterreden – glücklicherweise leben wir in einer Demokratie, und vielleicht gibt es ja am Horizont Hoffnung. Vielleicht stellt sich das Ganze am Ende als ein meisterhaft inszenierter Blondinenwitz heraus, und sie zeigt uns irgendwann den Vogel? Oder als eine Erfindung von Loriot, eine riesige, lustige Inszenierung, in der von Beginn an solch unvergessliche Eva-Sätze fallen wie: „Die Frau von heute ist im Stechschritt unterwegs, um die heterogenen Lebensinhalte unter einen Hut zu bringen.“ Na gut. Spekulation. Sensationell am tatsächlichen Herman-Happening ist nicht allein, dass der Buchtitel alles verrät und nichts Falsches verspricht. In „Das Eva-Prinzip“ geht es um das neue Prinzip im Leben von Eva Herman, die nach mehreren Ehen und Hunderten von Studiostunden Gefallen an der Idee bekam, sich nunmehr ein paar Jahre lang Mann und Kind zu widmen. Komischerweise aber, anstatt die Idee in aller Geduld und Aufopferung umzusetzen, zumal das Konto gefüllt, der Mann willig und das Kind klein sind, anstatt also abends, wenn das Kind schlummert, wenn der müde Mann das selbstbereitete Carpaccio verspeist hat, sich so als Frau vielleicht aufs Sofa zu setzen, rund und gesund ein wenig zu dösen oder aus edler Mohairwolle an einem Pullover zu zaubern, dabei an den Einkaufszettel von morgen denkend, und später Hemden zum Bügeln für die Putzfrau herauszulegen – anstatt also all dies im Stillen zu unternehmen, setzt sie sich sogleich hin und schreibt ein Buch. Aktiv, ganz wie ein männlicher Mann, verfasst sie ein Pamphlet, in dem zu lesen ist, „der Mann steht in der Schöpfung als der aktivere Part da“, die Frau möge sich auf ihre natürliche, passive Rolle besinnen, und so weiter. Konnte Eva das nicht an einen aktiven Adam delegieren, im Garten der Schöpfung?

Dazu fehlte in diesem dann doch unparadiesischen Szenario ein wesentliches Detail: der Apfel vom Baum der Erkenntnis. Eva hat den betreffenden Baum nicht entdeckt, an dem er gedeiht, und so konnte sie dessen Frucht nicht pflücken, geschweige denn Adam überreichen, damit er etwas Gescheites zu Papier bringe. Auch die Schlange schläft, eingeringelt irgendwo im Unterholz. Ergo: Das Eva-Prinzip wäre im Grunde ganz prima, für Eva Herman wie für alle Welt, wenn sie nur selbst sich daran hielte. Schlange, wach auf!

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