Kultur : Ohne Ende

KLASSIK (2)

Franziska Richter

Seine „Unvollendete“ hat nur zwei Sätze. Der mit 31 Jahren gestorbene Franz Schubert hinterließ jedoch noch ein weiteres Werk als Fragment: „Lazarus oder die Feier der Auferstehung“, ein Oratorium für Soli Chor und Orchester. Im zweiten Akt bricht es unvermittelt ab, zu der im Titel angekündigten Auferstehung kommt es nicht mehr. Das Concentus Musicus Wien nähert sich im Konzerthaus unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt mit dem Arnold Schönberg Chor (Einstudierung: Erwin Ortner) dieser außergewöhnlichen Musik: außergewöhnlich deshalb, weil es kein Oratorium im klassischen Sinne ist. Rezitativ und Arie sind kaum mehr zu unterscheiden, nur zweimal tritt der Chor auf. Umso mehr stehen die Solisten im Vordergrund, Martha (Elisabeth von Magnus), Maria (Luba Orgonasova), Jemina (Martina Janková), Lazarus (Michael Schade), Simon (Florian Boesch) und Nathanael (James Taylor).

So unterschiedlich sie in der Klangfarbe und Timbre auch sind: Alle drei Sopranistinnen entwickeln eine faszinierende Spannung, mal klagend, mal betend, mal hoffend. Schlicht und ausdifferenziert begleitet das Orchester – auf historischen Instrumenten –, schmiegt sich zurückhaltend an die Solisten, gestaltet die manchmal romantisch anmutende, zuweilen energische und für Schubert so durchsichtige Musik. Hervorstechend auch: der Tenor Michael Schade. Innig und mit zartem Charakter stellt er den sterbenden Lazarus vor. Im abschließenden Schubertschen Offertorium „Intende voci“ ist er eingebettet in sorgsam ausgeglichenen Chorklang. Es ist wie bei der „Unvollendeten“: Man möchte mehr von dieser Musik. Wie schön wäre erst die Auferstehung geworden.

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