Kultur : Ohne Fleiß kein Greis

Warum wir endlich anders über das Altwerden reden müssen

Lorenz Maroldt

Der Generationenvertrag war noch nicht richtig erfunden, da hatte Emma Bögershausen schon dagegen verstoßen. Mit fast 90 saß sie immer noch auf ihrem Sofa in der Landgrafenstraße und erzählte Märchen. Das war Mitte der Sechzigerjahre, und eigentlich hätte sie längst tot sein sollen, statistisch gesehen. Damals wurden Frauen ziemlich genau 73,4 Jahre alt. Aber sie lebte – und kassierte – einfach immer weiter. Ihre Rente war gering, aber sie kam, regelmäßig, Jahr für Jahr. Aus heutiger Sicht eine echte Zumutung für eine Gesellschaft, die meint, das ganze Leben nach der Verwertbarkeit ihrer Mitglieder für das Bruttosozialprodukt berechnen zu können. Aber schön für ihren Urenkel, also für mich.

Die Geschichtenerzähler von heute nennen sich Bevölkerungswissenschaftler, und die Fantasie ist von der Demografie längst verdrängt. Die Experten gaukeln uns vor, sie wüssten, wie denn alles so sein wird in einem halben Jahrhundert, und womöglich haben sie sogar Recht. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn ihre Mathematik in den Händen von Politikern, Wirtschaftswissenschaftlern und Gerechtigkeitsmystikern nicht zu gesellschaftlichem Sprengstoff würde. Ausgerechnet hier, auf dem trockenen Boden der prognostischen Statistik, gedeihen Neid, Hoffnung und Angst – also Gefühle, die rationales Handeln erschweren und zusammen wie Brandbeschleuniger wirken. Der Mensch, vor allem der alte, wird reduziert auf seine kalkulierbare Nützlichkeit für die Gesellschaft. Das hat uns in diesem Sommer bis an den Rand einer Euthanasiedebatte geführt, und wir haben uns darauf eingelassen.

Wer sich Grafiken der Statistiker über den Altersaufbau der Gesellschaft von damals, heute und morgen ansieht, erkennt: Aus der schönen Pyramide der Kaiserzeit ist eine schwabbelige Masse geworden, die vor allem um die Hüften herum ziemlich viel Fett angesetzt hat. Das sind wir, die Vierzigjährigen, die Babyboomer aus den Sechzigerjahren. So ungefähr ab 2040 werden wir am Kopf des Schaubildes angelangt sein, wie durch einen engen Schlauch nach oben gepresst. Diejenigen, die mit einigem Abstand folgen, also Mitglieder schlankerer Generationen, die uns bis dahin durchfüttern und deswegen möglicherweise die Anschaffung eines neuen Golf der zwölften Generation verschieben müssen, können sich freuen: Ungefähr dann werden wir die gesellschaftlich wertvolle Aufgabe des sozialverträglichen Ablebens übernehmen, erst die Männer, wenn es die Bevölkerungswissenschaftler dann noch immer so wollen, dann die Frauen. Wir gehen – spät, aber freiwillig.

Einem solch verantwortungsbewussten Verhalten im Sinne der Lebenserwartungsstatistik dürfte kaum etwas im Weg stehen. Für eventuelle Planabweichungen durch massenvernichtende Kriege oder Katastrophen, auch sozialethische, kann hier zwar keine Gewähr übernommen werden, ebenso wenig für gegenteilig wirkende Genbasteleien, die der Gesellschaft einen neuen Babyboom und uns ein noch längeres Leben aufzwingen – oder schenken, je nachdem. Aber Ersatzteile für unsere verfallenden Körper werden wir uns nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes nicht mehr leisten können. Und wer sollte sie uns spendieren? Die Nachwelt wird unseren Abgang erleichtert begrüßen. Doch das ist ziemlich dumm von ihr.

Lassen wir uns einen kurzen Moment ein auf die Logik der materiellen Nützlichkeit, stellen wir mit deren systemeigener Kälte fest: Ein von Arthrose zerfressener, zur Bewegung nicht fähiger, vollzeitbetreuter Greis kommt uns teurer und ist weniger zu gebrauchen als einer, der seine Kinder, Enkel, Urenkel oder wen auch immer und mit was auch immer zu unterstützen vermag. Wenn es wirklich in naher Zukunft zu wenige junge Menschen gibt, die zudem zu spät ins Beitragszahlerleben eintreten, weil sie unter anderem soziale Dienste zu leisten haben, liegt der Gedanke nahe, dass die Alten das ein oder andere übernehmen könnten. Daraus folgt, dass wir nicht weniger, sondern mehr künstliche Gelenke finanzieren sollten, unter anderem. Was sich noch lohnt oder nicht und bei wem unter welchen Lebensumständen, ist mit der Formel Kosten durch verbleibende Laufzeit gleich Verschwendung pro Jahr jedenfalls nicht zu berechnen. Schmarotzer gibt es in jeder Generation, Hinfälligkeit – physisch wie psychisch – in jedem Alter.

Egal wie die Rechnung ausfällt, geht damit die zwangsläufig verbundene Reduktion des Menschen auf seinen Nutzwert einher, die sich im Begriff „Humankapital“ scheinbar unschuldigst entblößt. Sie ist armselig, missachtet sie doch auch die Lebensleistung, die nicht mit dem Austritt aus der Erwerbswelt endet. Selbst der harmlose Begriff des SichNützlich-Machens wird damit entwertet, resultiert daraus doch die Geringschätzung des öffentlichen und familiären Ehrenamtes, jedenfalls hierzulande. Amerika, ausgerechnet, zeigt, dass es auch anders geht. Dort gehört der Volunteer im schönsten Rentenalter einfach dazu: in Museen, in Bürgerämtern, überall dort, wo Erfahrung geachtet und praktische Anteilnahme am Gelingen des öffentlichen Lebens willkommen ist.

Nehmen wir mal an, es kommt tatsächlich alles so, wie vorhergesagt wird. Bereits in den Schulbüchern, die wir in den Siebzigern vom Staat bekamen, wurde die demografische Entwicklung ja genauso beschrieben wie heute, mit allen Konsequenzen für Rente, Gesundheit und Pflege. Mindestens seit einem Vierteljahrhundert also ist bekannt, was heute zu Ressentiments gegenüber Andersaltrigen führt. Seltsamerweise fühlte sich niemand verpflichtet, egal aus welcher Generation, darauf anders als bloß mit Kopfschütteln zu reagieren. Dazu passt eine Bundestagsdrucksache aus dem vergangenen Jahr, die unfreiwillig komisch beginnt: „Seit zehn Jahren arbeiten in drei Wahlperioden Enquête-Kommissionen zum Themenbereich Demographischer Wandel.“ Und wenn sie nicht abgewählt sind ... Die Abgeordneten hatten also während der Neunzigerjahre in langer, harter Arbeit herausgefunden, was wir schon in der Schule lernten: Deutschland wird bis Mitte des 21. Jahrhunderts immer älter. Nur – was folgt daraus?

Eine neue Rentenformel soll jetzt alle Probleme lösen, zwei Jahre nach einer angeblichen Jahrhundertreform in der gleichen Angelegenheit. 40 Prozent unseres Bruttogehaltes sollen wir trotz allem später einmal erhalten, heute sind es 48; und arbeiten sollen wir zwei Jahre länger als heute geplant, also bis 67. Aber bis es so weit ist, werden wohl noch mehr Jahrhundertreformen folgen. Wir lassen uns davon nicht enttäuschen. Eine Rentenformel, die den Zugangsfaktor und unsere persönlichen Entgeltpunkte in ein Verhältnis zum Rentenartfaktor setzt und unter Berücksichtigung des aktuellen Rentenwertes sowie des Rentenbeginnwertes miteinander vervielfältigt, so dass dabei irgendetwas herauskommt, das keiner so richtig versteht, das aber unserer Lebensleistung angemessen sein soll, hat unser Misstrauen voll verdient. In dieser vermeintlich gerechten Gleichung fehlt ein entscheidender Faktor: der individuelle Mensch mit all seinen Macken, Gefühlen und Einzigartigkeiten.

Nichts im Leben ist todsicher berechenbar, nichts ist vollkommen gerecht. Dennoch hat sich das Gift der Gier nach absoluter Gerechtigkeit in unsere ach so verschiedenen Knochen gefressen und lähmt uns, die selbstverständlichsten menschlichen Dinge zu tun – oder zu lassen. Angestiftet von einer entmenschlichten Maschinerie, die unser vollkaskoversichertes Leben bis zur finalen Verschmelzung des Körpers mit der Natur noch auf den letzten Hundertstel-Cent durchkalkuliert, gönnen wir niemandem nichts, was mehr ist als das, was für uns selbst übrig bleibt. Ganz egal, was der andere tut oder tat, wie er ist oder war. So wurde der Mallorca-Rentner zum Feindbild. Und wir zu dem des Mallorca-Rentners.

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