Kultur : Ohne jede persönliche Berührung Das DHM dokumentiert „Legalen Raub“ der Nazis

Peter von Becker

Götz Aly hat mit seinem Buch über „Hitlers Volksstaat“, der die Mehrheit der Deutschen erst mit der Ausplünderung ihrer jüdischen Mitbürger, dann mit dem Raubgut des Krieges und Völkermords finanziell und sozial versorgt hatte, eines der wenigen noch unterbelichteten Kapitel des Nazireichs aufgeschlagen. Fast zeitgleich erfuhr die Fernsehnation durch Breloers Speer-Film, wie Hitlers Baumeister für seine Wahnhauptstadt „Germania“ die Wohnungen von zehntausenden Berliner Juden konfiszieren ließ. Da kommt die Ausstellung „Legalisierter Raub“ im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums in Berlin gerade recht.

Mit Blick auch auf die Stadtgeschichte beleuchten die von Bettina Hindemith-Lederer im Auftrag des Frankfurter Fritz Bauer Instituts und des Hessischen Rundfunks zusammengetragenen Dokumente die Rolle der zivilen Täter. „Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933–1945“, so der Untertitel der Schau, bezeugt mit Fotos und Papieren aus dem Privatbesitz einzelner Opfer und Funden aus den Akten der beteiligten Ämter, wie emsige Finanzbeamte die „Judensteuern“ eintrieben und den Besitz der Geflohenen, Deportierten und Getöteten deponierten, versteigerten oder unter der Hand verschacherten. Die Raffgier der Volksgenossen trat dabei auch bildungsbürgerlich zu Tage: „Da mein Sohn außerordentlich begabt ist, wie auch sein Lehrer bestätigt, bitte ich Sie, mir das Klavier des evakuierten Juden zu überlassen“ (so eine Eingabe ans Offenbacher Finanzamt). Tatsächlich begann der Holocaust bereits mit der bürokratisch exekutierten Vernichtung aller materiellen Lebensgrundlagen. Ein hoher Beamter in Frankfurtam Main rechtfertigte sich gegenüber einem Raub-Vorwurf im Entnazifizierungsverfahren: „Es handelte sich hierbei um eine rein finanztechnische Aufgabe der Finanzverwaltung ohne politischen Einfluss und ohne jede persönliche Berührung mit dem Betroffenen.“

DHM, Berlin, bis 18. 9., tgl. 10–18 Uhr.

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