Kultur : Ohne Schmerz kein Herz

Die Größten: Depeche Mode feiern Wiederauferstehung in der Berliner Waldbühne

Daniel Völzke

Love, Sex, Pain, Angel. Rot leuchten diese Signalworte auf einer silbernen Riesenkugel am Bühnenrand. Dave Gahan, erst im schwarzen Anzug, schnell mit entblößtem Oberkörper, tänzelt in seiner unverwechselbaren Art gleichsam um diese Koordinaten herum. Der Sänger der ewigen Erfolgsband Depeche Mode findet sich mühelos in dem Rechteck aus Liebe, Sex, Schmerz und Religion zurecht und dirigiert die Stimmungen in die hintersten Ränge der ausverkauften Waldbühne. Seine häufigste Geste: die ausgebreiteten Arme. Als wolle er sein treues Publikum damit umschlingen. Musik für die Massen. Aber es ist auch die Pose des gekreuzigten Schmerzensmanns. Ein Personal Jesus für alle.

Dave Gahan, Stimme und Körper der Band, Martin Gore, Mastermind und genialer Songschreiber, und Keyboarder Andy Fletcher haben in einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte einiges ausprobiert, stritten sich und fanden wieder zusammen. Depeche Mode wuchs zu einem global operierenden Unternehmen. Noch nie ist eines ihrer Alben gefloppt. Gahan zerbrach beinahe an diesem immerwährend garantierten Erfolg, er war drogen- und alkoholsüchtig, hat sich aber wieder gefangen. Die musikalischen Trends, besonders hier in Deutschland, haben sie immer wieder beeinflusst: vom Synthiepop und düsteren Industrial der achtziger Jahre über den Technoaufbruch der Neunziger bis hin zum jüngsten Achtziger-Revival. Depeche Mode sind Konsens. Sie haben sich entwickelt und sind doch gleich geblieben.

Beim Zusatzkonzert in der Waldbühne, das den schnell ausverkauften regulären Terminen im Juli vorangestellt wurde, erfüllt sich ihr selbstquälerisches Programm vollkommen. Da leuchtet das leidende Gesicht Martin Gores. Er trägt eine Hahnenkamm-Mütze und angedeutete Engelflügel und bildet in seiner Bewegungslosigkeit den Ruhepol zu Gahans Drehungen und Pirouetten. Die ausgeklügelten Visuals verlieren sich mit Verzerrungen, Dopplungen und Rückkopplungen kaleidoskopisch in einem komplexen Symbolgefüge aus Verlangen und Schuld: die DM-Rose, Gahans Körper, die Tätowierungen auf Gahans Körper, das Kreuz. Liebe, Sex, Schmerz, Religion.

Das ausgewogene Konzert offenbart die dunkelrote Linie, die sich durch das Schaffen der Band zieht: Nach der Single „Precious“ aus dem aktuellen Album „Playing The Angel“ spielen Depeche Mode den Klassiker „Enjoy The Silence“ – und es ist dieselbe melancholische Sehnsucht, die in hymnischen Synthesizerfanfaren in den Westberliner Himmel steigt. Ähnlich überrascht, wenn die jüngste Auskopplung „John The Revelator“ kurz nach „Personal Jesus“ in Stimme und nahezu identisch treibendem Schlagzeug das gleiche ketzerische Aufbegehren hören lässt. Und stets und immer wieder in diesem Zwei-Stunden-Ritt durch die Jahre: das Wort „pain“.

Ausgespart bleibt heute Abend die Phase der wenig stadiontauglichen, haspeligen Trip-Hop-Tracks vom vorletzten Album „Exciter“. Die dünnen Beats ganz früher Synthie-Songs unterlegen Depeche Mode, die sich einen Gastdrummer und -keyboarder dazugeholt haben, mit wärmeren Bässen. Die Gitarre Martin Gores rückt wieder in den Vordergrund und scheppert in die Kühle der elektronischen Arrangements. Mit nur wenigen Änderungen bringen die Briten die alten Hits in ein unverbrauchtes Sounddesign. In der Zugabe interpretieren Depeche Mode eine eigene Kompositionen völlig neu: Gore singt mit Klavierbegleitung den düsteren Elektroschunkler „Leave In Silence“ vom ersten Album als wunderbar zarten Chanson. Das finstere „Ooohohohohohoo“, das auf der Platte klingt wie von trübsinnigen, trunkenen Mönchen gesungen, tragen die Besucher der Waldbühne in zwanzigtausendstimmigen Chor durch die Reihen.

Der Wermutstropfen dieser perfekten Inszenierung ist in runde, silberne Formen gegossen: Depeche Mode haben sich vom Fotografen und Filmemacher Anton Corbijn ein retro-futuristisches, blinkendes Bühnenbild bauen lassen, das wie eine Raumstation aussehen soll und doch in der Aufsicht, die die meisten Besucher der Waldbühne teilen, nur wie billigster Plastikramsch wirkt. Doch selbst in dieser Trashkulisse verliert die Musik nichts von ihrer jugendlichen Schönheit und Wucht.

Weitere Termine in der Waldbühne am 12. und 13. Juli

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