Kultur : Ohne Schweiß kein Preis

Feste feiern in der Festung Europa: Schorsch Kameruns „Eisstadt“ im Berliner Prater

Peter Laudenbach

Begegnungen mit der Kunst Schorsch Kameruns sind verwirrend, egal ob man sich von seiner Punkband „Die Goldenen Zitronen“ Textzeilen wie „Widersprüche, Widersprüche, immer diese Widersprüche“ um die Ohren hauen lässt oder ob man die Widersprüche in einer seiner Theaterrevuen besichtigt. Kamerun mixt alles mit allem, in seiner „Eisstadt“-Inszenierung im Prater der Berliner Volksbühne zum Beispiel die geplante RAF-Ausstellung mit der „Körperwelten“-Schau. Schließlich birgt die Geschichte der RAF ja auch zahlreiche Leichen.

Hinzu kommen: Immigranten, ein gewisser Marschall Schaill, eine Prise Hanns Eisler, ein paar Pathos-Zitate von Dmitri Schostakowitsch, serviert von einem kleinen Kammerorchester, die „Flüchtlingsmutti“, eine sehr fette Reinkarnation von Hans Martin Schleyer, ein Gedicht von Erich Kästner, tanzende Pinguine, ein als Pommes frites verkleideter Student, der dem Publikum eine Führung durch die „angesagten Clubs“ anbietet, 50000 Illegale, die die Maschinen stürmen wie einst in „Metropolis“, und Alexander Scheer, der sich ans Klavier setzt und den Blumfeld-Schlager „Weil wir einverstanden sind“ in eine melancholische Nummer von Jacques Brel verwandelt. Uff.

Ein junger Mensch in Uniform (immer gut: Fabian Hinrichs) sagt zu seinem Vorgesetzten seltsame Dinge wie „Wir geben uns weiterhin die größte Mühe, die Angst aufrecht zu erhalten“. Ein Film zeigt, wie „Sexy Cleaner“ in Stringtangas den Potsdamer Platz reinigen. Ein wunderbar schmieriger Conferencier (die Hamburger Underground-Legende Jacques Palminger) führt durch das Programm, zwei Angehörige der Unterschicht agitieren das Publikum: „Warum stürzt Ihr euch nicht auf die Maschinen und zerstört sie?“, und eine grobe Handlung gibt es auch noch. Die „Eisstadt“ steht für die Inseln des Reichtums, die Festung Europa, den sicheren Teil der Welt. Und Herr Schaill (Jens Rachut) , der am Ende seinen schwulen Oberbürgermeister beschimpft, sorgt dafür, dass die Immigranten ausgiebig gedemütigt werden und in Sweatshops schwitzen. Aus ihrem Schweiß werden dann lebensrettende Augentropfen für die Reichen destilliert.

Weil Revueautor Schorsch Kamerun gegen Landes- wie gegen Stilgrenzen ist, prallen Pathosformeln und lustiger Trash, Klamauk und linksradikale Agitation lässig aufeinander. Und auch die Grenzen zwischen hochprofessionellen Volksbühnen-Schauspielern, Fahnen schwenkenden Tänzern und bizarren Amateuren werden in dieser Collage souverän ignoriert: Der Prater verwandelt sich in Kameruns Hamburger „Goldenen Pudel Club“, in dem eine kommunistisch angehauchte Version der Sgt. Peppers beziehungsweise Marshall Schaills Lonely Heart Club Band auftritt. Verwirrend und lustig, glamourös und trashy.

Und wenn die große Schauspielerin Annekathrin Bürger als Glam-Göttin und PunkDiva mit glitzerndem Kleid und aberwitzigem Federschmuck dann auch noch postkommunistische Chansons haucht, kann man staunen und bewundern, wie hier eine sehr DDR-spezifische Grandezza mit dem guten schlechten Geschmack Hamburger Szene-Punks prächtige Allianzen eingeht.

Prima Abend. Und länger als ein Fußballspiel ist er auch nicht.

Wieder vom 28. bis 30. November, je 20 Uhr

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