Kultur : Ohne Sprechblasen: ein Stadtführer - nicht nur für Kinder

Eva Stern

Kindergerecht, aber nicht anbiedernd, und seriös, aber nie langweilig, setzt der Nicolai-Verlag mit einem unterhaltsamen Stadtführer seine schöne Reihe "Berlin für Kinder" fort. Spielerisch wird von Höhepunkt zu Höhepunkt durch die unübersichtliche Stadt geleitet. Kleine Leseratten werden auf einer Zugfahrt nach Berlin ideale Lektüre finden, verspricht der Verlag. Es könnte allerdings sein, dass sich die Kinder ihre Wunschziele selbst heraussuchen. Doch auch Erwachsene können allerlei lernen. Wer kann schon aufzählen, welche Bezirke am 1. Januar 2001 zusammengelegt werden?



Der Autor Günter Strempel ist Vater von zwei Kindern. Wenn er die Leser anregt, auf eigene Faust loszuziehen, warnt er sie auch vor der heranbrausenden Autoflut: "Achtung! Auf keinen Fall auf die Säule zu rennen! Ihr geht in eins der Torhäuser und steigt in einen Tunnel, der unter der Straße hindurch zur Siegessäule führt." Der in Berlin lebende Kinderbuchautor hat den auf strapazierfähigem Papier gedruckten Band zusammen mit dem Graphiker Oliver Wilking liebevoll gestaltet. Seine farbigen Bilder kommen ohne alberne Comicfiguren mit Sprechblasen aus, wie auch die klaren Texte sich nicht modisch an Kids, sondern an Kinder richten. Sie werden aufgefordert, ihren Stadtführer persönlich zu gestalten, indem sie Bilder nach ihrem Geschmack ausmalen, Kreuzworträtsel lösen und Wortspiele ergänzen. Aus einem Bastelbogen lässt sich ein Schnauzen-Omnibus aus den 30er Jahren falten. Während das Mitmachen die Spannung am Weitersuchen erhöht, werden durch viele Querverweise die neuen Kenntnisse spielerisch vertieft. Die vom Buch abgedeckte Zeitspanne reicht von den Anfängen Berlins bis zum unfertigen Potsdamer Platz. Man erfährt, wo noch Reste der mittelalterlichen Stadtmauer zu finden sind, und bekommt die wichtigsten Informationen über die Berliner Mauer, die fast 30 Jahre verhindert hat, dass "sich Berliner frei in ihrer Stadt bewegen konnten". Zeichnungen und Fotos illustrieren die Geschichte und verweisen auf die Bernauer Straße und das Haus am Checkpoint Charlie.



Ausgetretene Touristenpfade ließen sich nicht vermeiden, aber dieser ungewöhnliche Stadtführer macht es leicht, sich anhand der Gliederung seine eigene Route zusammenzustellen. Möchte der eine auf einer Dampferfahrt die Brücken zählen, so will der andere lieber die traditionellen S-Bahnhöfe kennen lernen. Die beim jugendlichen Publikum beliebten Museen für Naturkunde, Völkerkunde und Technik werden mit speziellen Kinderprogrammen vorgestellt. Was sich hinter "blub" und "FEZ" verbirgt, wird jedem nach dem Lesen klarer sein, aber welches Kind von auswärts kann auf der Rätselseite in dem "Buchstabensalat" Berliner Leckerbissen wie Schusterjungen und Stulle erkennen? Am Ende des Spazierganges gibt es noch vier Seiten Berliner Witze und Spitznamen. Stadtführer enthält ein sorgfältig gearbeitetes Register mit Öffnungszeiten und Preisen. Bei den Rätselauflösungen bleibt manche Frage offen. Um zu erfahren, zu welcher Baumart Berlins ältester Baum gehört, der mit 800 Jahren älter als die Stadt ist, müsste man sich schon selber auf den Weg zum Tegeler Schlosspark machen.Günter Strempel/Oliver Wilking: Berlin entdecken. Der Stadtführer für Kinder. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1999. 80 Seiten, 24,80 Mark

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