Kultur : Ohne Stühle

ARCHITEKTUR

Jürgen Tietz

Mit machtvoller Selbstdarstellung, wie sie für staatliche Repräsentationsarchitektur weltweit charakteristisch ist, konnte der von Paul Baumgarten wieder aufgebaute Berliner Reichstag nicht aufwarten. Kein Wunder, denn aus den jüngsten Forschungen des renommierten Reichstag-Kenners Michael S. Cullen , von denen er jetzt einen Teilaspekt im Rahmen der Vortragsreihe machtARCHITEKTUREN an der Berliner Universität der Künste vorstellte, geht hervor, dass die Wiederaufbaudiskussion einem Eiertanz glich.

Bereits seit den frühen Fünfzigerjahren wurde um die Zukunft des Baus gestritten, 1954 wurde dann die Kuppel geschleift. Doch auch der Architektenwettbewerb von 1960 beschränkte sich auf Grund der Alliierten-Bestimmungen lediglich auf den West- und den Südflügel des Hauses. Es sollte auf keinen Fall der Eindruck entstehen, in Berlin würde wieder ein Parlamentsgebäude eingerichtet.

Paul Baumgarten jedoch konnte offenbar gut zwischen den Zeilen der Wettbewerbsauslobung lesen. Von den zehn eingeladenen Architekten war er der einzige, der die Option für die Neuanlage eines Plenarsaals im Zentrum des Reichstages vorsah, so Cullen in seinem Vortrag. Allerdings erhielt Baumgarten erst 1966 den Auftrag, tatsächlich einen solchen Raum im Herzen des Reichstages einzurichten – der allerdings nie über eine feste Bestuhlung verfügte! Auf die Veröffentlichung von Cullens umfangreichen Forschungen zur Nachkriegsgeschichte des Gebäudes darf man gespannt sein – ebenso wie auf die weiteren Beiträge der Vortragsreihe, in deren Rahmen Peter Conradi (13. Mai), Bruno Flierl (20. Mai) und Axel Schultes (27. Mai) in der Universität der Künste (jeweils 20 Uhr) zu Wort kommen werden.

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