Kultur : Ohne Weiber geht es nicht

Komische Oper Berlin: Andreas Homoki und Michail Jurowski hängen „Die Csárdásfürstin“ tief

Christine Lemke-Matwey

Von Christine Lemke-Matwey

Die Stasi ist garantiert für einen Lacher gut. Denn wer immer es wagt, Kálmáns großartig paprikaselige, finstertraurige „Csárdásfürstin“ auf die Bretter der Komischen Oper zu wuchten, der muss damit rechnen, dass der ganze Saal an die Staatssicherheit denkt, sobald der Name fällt: an IM‘s, die Rosenholz-Akte und ziellos herumlungernde Notizblockträger. Wenn dann freilich Mojca Erdmann im himmelblauen Petticoat und in ihrer Eigenschaft als knusprige Komtesse Anastasia (alias „Stasi“) um die Ecke biegt, dann wird der Beelzebub sozusagen mit einem leibhaftigen Engelein ausgetrieben – und schon packt einen das viel geschmähte, heiß geliebte und doch irgendwie sieche Genre Operette am Schlafittchen: Nichts ist hier, wie es scheint, alles hat, oho, mindestens doppelten Boden. Die ganze heimelige Welt von vorvorgestern, sie wankt und stürzt und fällt doch immer wieder auf ihre tönernen Füße. Denn so schlimm kann es um sie, ja um uns gar nicht bestellt sein, dass der Champagner nicht noch in Strömen flösse, die „Mädis vom Chantant“ ihre Röcke schwenkten und ein paar Zigeuner ein lausig Lied anstimmten – das meint jedenfalls Emmerich Kálmán, der jüdisch-ungarische Komponist, der 1938 über die Schweiz und Paris ins amerikanische Exil flüchtete.

Dass Andreas Homoki die Eröffnungspremiere seiner zweiten Saison an der Behrenstraße nicht zuletzt als Tribut an die desaströsen Zahlen aus dem vergangenen Jahr verstehen würde, als Versöhnungsangebot an ein vergrätzt abwanderndes Publikum, war klar. Ebenfalls zu erwarten: dass er dabei weder in die Fußstapfen Walter Felsensteins treten wollte noch in die Harry Kupfers. Und dass sich unter seiner Regie kein „Skandal“ ereignen würde wie 1999 in Dresden, wo Peter Konwitschny die „Csárdásfürstin“ in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs verlegte und Stahlhelme mit abgeschlagenen Köpfen drin über die Bühne rollten, daran hatte ohnehin niemand gezweifelt.

Was aber bleibt, wenn man a) der Gute sein will und diesmal ganz besonders lieb, wenn man b) jeden Realismus aus dem Stück verbannt, das ganze spätfeudalistische „Tingeltangelgerangel“ nämlich und restlos jeden Schmäh, jedes Wien, und wenn man schließlich c) auch alles Politische, das ganze Klima des Entstehungsjahres 1914 fürs Stückverständnis einfach wegblendet? Erst der Krieg, so der mögliche, nötige Subtext zu Leo Steins und Béla Jenbachs Libretto, lässt doch den k.u.k.-Zuckerguss gerinnen; erst die Bedrohung an Leib und Leben macht, dass der olle Standesdünkel weicht – und die Stasi ihren Boni und die Sylva ihren Edwin kriegt. Volker Klotz, der Operettenbeauftragte der Republik, mag das ganz anders sehen, wenn er schreibt, dass Sylva, die Brettl-Diva, zum glücklichen Ende nichts anderes als einen „charakterlichen Suizid“ begeht: „Das Entrée in die feinsten Kreise hat Sylva sich ersungen und ertanzt, um dort zu verstummen und zu erstarren.“ Gewiss eine bedenkenswerte Lesart unter vielen.

Mit all dem haben Andreas Homoki und sein Dramaturg Werner Hintze dezidiert nichts im Sinn. Sie setzen aufs Theaterspielwerk, auf die große gleißende „Operettenmaschinerie“. Und sie wollen dabei so etwas wie den Sieg des Handwerks über jede Interpretation herbeiführen – und ganz nebenbei auch noch die moderne Machartlichkeit eines in der Tat ziemlich kruden Stücks bloßlegen. Denn, Hand aufs Herz, wer interessiert sich heute ernstlich dafür, ob und wie und warum ein Fräulein vom Varieté einen Herrn Fürsten von und zu Lippert-Weylersheim ehelicht? Die Regenbogenpresse, tja, aber die kommt auch ohne Kálmán aus . . .

Dass der Regie-Coup letztlich misslingt und man sich am Schluss, nach zweieinhalb Stunden, so fühlt, als sei man auf einem tonnenschweren Brauereigaul durch die Puszta getrottet, hat mehrere Gründe. Zum einen fehlt es der Aufführung – und das verärgert wirklich – just an jener Handwerklichkeit, die sie für sich reklamiert. Hier saust kein Tanzbein durch die Lüfte, und wenn das Ensemble mal nicht zu einem jener kitschigen Revuepostkarten-Tableaus gefriert, in denen Homoki offenbar die Vergnügungssucht und Ironie eines ganzen Zeitalters gipfeln sieht, dann rennt es und fällt es und wälzt sich am Boden. Das Artistische aber ersetzt solch grober, blinder Aktionismus nicht. Und Situationen, in denen das Drehmoment des exakten Irrwitzes Raum und Zeit außer Kraft setzte (à la Rossini!), sucht man vergebens.

Was sich sonst noch bewegt – und dahinter verbirgt sich des Scheiterns zweiter Teil –, ist die Bühne. Hartmut Meyer nämlich lässt das Ganze in einer Art botanischem Garten mit emsig kreisender Showtreppe spielen. Ein Treibhaus der Lüste, das bei allen blinkenden Lichtern und schwülen Farben allerdings kaum anders daherkommt als die Fressabteilung des KadeWe. Hier darf der getreue Feri Bácsi (Günter Neumann) als zylinderbewehrter Joopi-Heesters-Verschnitt sein wissendes Wesen treiben, hier lassen sich die Mädis unter ihren Brautschleiern (Kostüme Mechthild Seipel) nicht für dumm verkaufen und ziehen den Grafen Boni kurzerhand bis auf die Wäsche aus, als dieser zu frech wird („Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“). Und hier greift auch Sylva Varescu, das „Teufelsweib“, gern zu Latex und Peitsche, um ihrem Ruf gerecht zu werden.

Noemi Nadelmann gibt die Csárdásfürstin mit weit gespannter Emphase und sattem, lodernd timbriertem Sopran. Eine Schwester von Verdis Traviata, die freilich, wo die Regie sich versagt, kläglich ins Chargieren abdriftet. Ähnlich ergeht es auch Tom Erik Lie als opernhaft unbeholfenem Edwin und Mojca Erdmann als fröhlich zwitschernder Stasi (in der Tiefe fehlt es noch ein bisschen). Einzig der fabelhafte Peter Renz in der Rolle des Boni vermag sich mit boulevardesker Leichtigkeit und Mut zum Slapstick über so manches szenische Loch hinwegzuretten.

Was Michail Jurowksi und das Orchester der Komischen Oper im Graben treiben, darüber möchte man am liebsten den Mantel des Schweigens breiten. Der Csárdás kennt keinen Pfeffer und der Walzer kein Gemüt – und am Ende bleibt einem keine einzige der unsterblichen, bittersüßen Kálmán-Melodien im Ohr. Gibt es Schlimmeres?

Wieder am 12., 17. und 24. September.

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