Kultur : Ohnemichel

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Peter von Becker über die jüngste Wendung der Berliner Opernreform

Die deutschen Theater und Opernintendanten scheinen von allen guten Geistern verlassen. Nicht alle, aber ein paar wichtige. Eben erst haben sie dem Bundespräsidenten ein superdröges Memorandum zur „Zukunft von Oper und Theater in Deutschland“ überreicht: 14 Seiten Hin und Her zwischen Kulturauftrag, Gewerkschaftsdenken – und nur noch eine Miniüberlebensration Kunsttrieb und Theaterwille. Der deutsche Bühnenverein: ein wandelnder Vermittlungsausschuss.

Eher unvermittelt wurde nun noch ein zweites Schreiben verfasst. Das ging an den Berliner Kultursenator und trägt die Unterschrift der drei Berliner Intendanten Peter Mussbach (Staatsoper), Udo Zimmermann (Deutsche Oper) und Albert Kost (Komische Oper). Wie berichtet, kündigt das Trio dem Senator darin die Mitarbeit an der seit Jahr und Tag diskutierten Berliner Opernreform auf. Veränderung: ohne uns!

Die Hauptstadt ist pleite. Und das nicht wegen der Kultur. Aber weil auch Kultur- und Wissenschaften über ein paar Einsparungen nachdenken müssen, fragen nicht nur die Politiker: Braucht Berlin weiterhin drei selbstständige Opernhäuser, die mit rund 115 Millionen Euro im Jahr subventioniert werden? Bisher waren die drei Häuser kaum in der Lage, auch nur ihre Spielpläne zu koordinieren. Geschweige denn Werkstätten oder den Kartenverkauf.

Nun gibt es ein paar Modelle, die etwa unter dem Dach einer gemeinsamen Stiftung (oder GmbH) nach schlankeren Strukturen und damit Einsparmöglichkeiten und womöglich auch künstlerischen Synergie-Effekten suchen. Berlins Opern sind bisher weder so perfekt strukturiert noch künstlerisch so erfolgreich, als dass sie prinzipiell unantastbar wären. Sind die drei Intendanten jedoch der Ansicht, dass alle bisherigen Reformvorschläge dumm und unpraktikabel sind, dann sollen sie das sagen. Und bessere machen. Was allerdings kindisch ist: dem Kultursenator wie beleidigte Sandburgenbauer die Schippe hinzuwerfen. Kost-Mussbach-Zimmermann tun plötzlich, als könnten sie den deutschen Ohnemichel spielen. Ihr Brief hat die Devise „Alles bleibt anders“, und wo es doch anders werden könnte, da sagen sie, dies „nähme den Mitarbeitern unserer Häuser jegliche ökonomische Motivation“. Das klingt wie Verdi. Aber nicht nach Giuseppe.

Die Intendanten haben sich abgemeldet, und Kultursentor Thomas Flierl könnte sie nun per Dienstanweisung zurückpfeifen. Der Schlüssel zur Opernreform aber liegt bei den beiden Chefdirigenten Daniel Barenboim und Christian Thielemann. Sie haben in der Staatsoper und der Deutschen Oper das Sagen. Ende des Jahres sind sie auch beide mal wieder in der Stadt. Dann müsste sie die Stadtspitze mit ihrer letzten Autorität zum Krisengipfel laden. Es kann, was immer nun projektiert wird, nur mit Barenboim und Thielemann gehen. Oder ohne sie. Das wäre vor jedem weiteren Reformpalaver die wahre, die notwendige Vorentscheidung.

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